Philippinen Reisebericht

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Reisebericht von Matthias

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Freitag 26.8.1994 / Samstag 27.8.1994

Nach eineinhalbmonatiger Planung der Reise auf die Philippinen haben wir es endlich geschafft. Alle Vorbereitungen sind getroffen, der Finanzetat ist mit 1.000 DM zwar knapp, doch hoffentlich ausreichend und die Sehnsucht nach der Ferne läßt uns keine Ruhe mehr. Gestern haben wir noch im Kreise unserer engen Freunde eine kleine Abschiedsfeier veranstaltet. Meine Lufthansamaschine wird heute Abend um 21.50 Uhr in Frankfurt abfliegen. Da Litzi und Stefan mit Philippine Airlines fliegen, werden sie erst am Dienstag nachkommen und mich erwarten einige Tage des Alleinseins in Manila. Wir haben aus unserem Reiseführer eine Pension namens Natividat willkürlich herausgesucht, und sie zum Treffpunkt am kommenden Mittwoch um ca. 16.00 Uhr bestimmt.Stefan bringt mich zum Flughafen. Alles läuft wie erhofft, und so sitze ich zwar mit gemischten Gefühlen, aber letztlich guten Mutes in der B- 747 nach Manila über Bangkok. Das Essen ist wie immer hervorragend, der Film O.K.. Die Maschine ist nur etwa zur Hälfte gebucht und ich schlafe ein paar Stunden. Vor der Landung in Bangkok komme ich mit meinem philippinischen Sitznachbarn Rey (30 Jahre) ins Gespräch. Nach dem 30 minütigen Aufenthalt in einem Transit Warteraum und dem erneuten Start erzählt er mir einiges über sein Land. Ich glaube aber er scheint nicht zu verstehen, daß ich zur Gruppe der Low Budget Traveller zähle und eben nicht so viel Geld dabei habe. Er hat so etwas ähnliches wie Marinetechnik studiert und scheint reichlich betucht zu sein. Jedenfalls schwärmt er mir von irgendwelchen Holiday Inns vor, in denen ein Einzelzimmer bereits ab 40 US$ zu haben ist. Da mein Übernachtungsetat jedoch bei unter 6 US$ liegt sind seine Tips nur bedingt zu gebrauchen, aber ich versuche halt meine Fragen mehr Richtung Kultur zu bewegen.

Auch der Flug nach Manila ist angenehm und so lande ich um 19.00 Uhr auf dem Kori Aquino International Airport in Manila. Ich bin erleichtert, als Rey mir anbietet, seinen Taxi nach Ermita (Stadtteil von Manila, der auch mein Ziel ist) mit ihm zu teilen. Ich las nämlich, daß sämtliche Taxifahrer am Flughafen Nichtphilippinos kräftig übers Ohr hauen. Dem bin ich glücklicherweise entgangen. Wir fahren zu einem angeblich spottbilligen Hotel, irgendwo in Ermita, wo er einige Tage verweilen und Freunde besuchen will. Warum nicht, denke ich und warte ab, was er mit 'spottbillig' meint ? Ich sitze also in einem Taxi und fahre durch die Stadt. Mir steigt dieser markante Duft nach einer Mischung aus Luftfeuchtigkeit, Wärme, Autoabgasen und sonstigen Aromen, den ich mitlerweile zu Lieben gelernt habe, und der mir das Gefühl einer zweiten Heimat verleiht, in die Nase und etwas erschöpft verschlinge ich visuell das exotische Stadtbild. Manila scheint sauberer zu sein als Delhi, wo meine letzte Reise begann. Der Zustand der Straßen ist gut und auch die Gebäude machen einen soliden Eindruck. Mir fallen die vielen Neon Leuchtreklamen auf, die die Straßen erhellen und alle möglichen Lokalitäten anpreisen.

Wir erreichen das Hotel. Voller Freude berichtet mir Rey, daß ein Einzelzimmer für nur 480 Piso (P.) ( = 33 DM) zur Verfügung stünde. Na toll, ich habs geahnt. Es ist finstere Nacht, ich habe keine Ahnung wo ich hier bin, ich habe ein Hotelzimmer, das ein tiefes Loch in meine schmale Reisekasse bohren würde und beginne bedingt durch meine im kalten Deutschland angelegten Klamotten langsam aber stetig zu transpirieren. Mit den sicherlich nett gemeinten Worten 'Nimm das Zimmer mal für diese Nacht und seh morgen im Hellen weiter' verabschiedet sich Rey, um mit einigen Freunden einen Saufabend zu veranstalten. Ich stehe also da, an irgendeinem Hotel in einer dunklen Gegend, bin müde und unsicher. Ich entschließe mich eine Münze zu werfen, was dazu führt, daß ich mich gegen Reys Vorschlag entscheide... Ich suche mir im Reiseführer ein paar Pensionen heraus, die mein preisliches Niveau haben, suche mir einen Münzsprecher, und rufe eine nach der anderen an, um nach 'vacancy' zu fragen. Bei der Pension La Soledad habe ich Erfolg und man sagt mir zu, ein Einzelzimmer für 150 P. zu reservieren. Ich mache mich also auf den Weg, voll bepackt und warm gekleidet und orientiere mich dabei an der mäßigen Stadtkarte meines Reiseführers und an den Auskünften einiger Passanten. Trotzdem irre ich unter den stierenden Augen einiger dunkler Typen durch die Stadt und fürchte, die Pension nie zu finden. Nach eineinhalb Stunden Marsch stehe ich dann klatschnaß geschwitzt vor der besagten Pension. Ich wundere mich über die kichernden jungen Mädchen, die am Eingang stehen und mich betatschen. Da ich jetzt aber weißgott nicht zum flirten aufgelegt bin, lasse ich mir mein Zimmer zeigen. Das ist ein Witz - dachte ich, als der Hotelboy mir eine etwa 4 m2 große Kammer ohne Fenster, mit Bett und Spiegel zeigt, die zudem völlig versifft ist und mit obszönem Wandgeschmier versehen wurde, doch als seine Mine bitterernst bleibt wird mir klar, daß es sich bei diesem 'Raum' um meine Herberge für die kommende Nacht handelt. Ich werde es überleben, denke ich und bin letztlich froh, daß ich finanziell wenigstens angemessen davonkomme. Ich bin mir etwas unsicher, ob es sich bei dieser Absteige nicht um ein Stundenhotel handelt, denn die Anzahl junger Mädchen, die sich entweder alleine, oder in Begleitung schmieriger Männer durch die labyrinthartigen Gänge des Hotels winden erscheint mir suspekt. Ich ignoriere dieses Gefühl und verhalte mich, als sei dieser Ort das Normalste auf der Welt. Das Hotel ist direkt über einem Karaoke Cafe und es dröhnt pervers laute Musik durch das ganze Haus. Ich wundere mich nur über die Schilder an den Wänden, die mit 'QUIET PLEASE' und 'SILENCE' die Hotelgäste um Ruhe bitten. Naja, das ist halt Asien! Ich bin zwar müde, aber unternehmungslustig und gehe in dieses Cafe. In puffroter Athmosphäre sitzen 5 Philippinos an einem Tisch, lassen sich von einer Auswahl der insgesammt mindestens 20 weiblichen Servierdamen bedienen und reichen sich zu gepflegter Frank Sinatra Musik ein viel zu laut eingestelltes Mikrophon herum. Ich frage mich ob das hier ein normales Cafe, oder ein Animierschuppen ist. Ich bestelle eine Cola und kann diese auch ungestört trinken, auch wenn ich mir sehr beobachtet vorkomme. Nach einer halben Stunde kann ich das Gejaule nicht mehr ertragen, zahle 8 P. für die Cola und ziehe weiter. Ich sehe ein Deutsches Restaurant (Haus München) und hoffe, hier einen deutschsprachigen Zeitgenossen anzutreffen, der mir den Film Manila mal etwas erläutern kann, aber die Kneipe hat mit Deutschland genausoviel zu tun wie Hundehoden mit Dampfnudeln (Insider!).

Also gehe ich weiter bis ich aus einem Club namens 'Cave55' rockige Livemusik höre und mich entschließe hier mal reinzuschauen. Es spielt eine Band, die Songs von Guns'n'Roses bis Bon Jovi covert. Der Laden ist ziemlich voll und ich erblicke die ersten Weißen. Da sie aber nicht sonderlich sympathisch aussehen werde ich sie nicht ansprechen. Ich höre mir ein paar Lieder an, zahle den nicht zu verachtenden Preis von 30 P für ein Sodawasser und verlasse den Club um den Tag im Hotel zu beenden.

Dort laufen mir pausenlos junge Mädchen über den Weg. Das kann doch kein Bordell sein denke ich, aber der Gegensatz von dieser dunklen Absteige, mit den verschachtelten Gängen, den üblen sanitären Anlagen zur Massenbenutzung und den spartanischen Zimmerchen zu den vielen jungen, relativ gepflegten Mädels hinterläßt in mir das Gefühl völligster Planlosigkeit. Das ist alles ein nicht zu begreifender Film, in den ich da hineingeraten bin und ich sehne die Übersichtlichkeit von Bangkok, ja sogar von Delhi herbei ... Aber fest steht - Ich habe ein Zimmerchen, das ist bezahlt, und dort werde ich mich jetzt schlafen legen, um morgen die Neon-Stadt Manila bei Tag anzusehen und vielleicht endlich einen brauchbaren Traveller zu treffen, der mir den Film erklärt. Meine Herren ...

 

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Sonntag 28.8.1994

Um 200 Uhr nachts werde ich durch ein Klopfen auf dem Gang geweckt. Ich wundere mich, daß ich naß geschwitzt im Bett liege, und stelle fest, daß mein Ventilator irgendwie klemmt. Das Klopfen kam von gegenüber. Ich öffnete die Tür und sah zwei Mädels, die kaum Englisch sprachen, und versuchten die Tür, die zwei wohl genervte Freundinnen abgeschlossen hatten mit einem Kleiderbügel zu öffnen. Ich berichtete ihnen mit Hilfe des Philippinisch Teils meines Reiseführers von meinem defekten Ventilator. Während die eine den 'Hauselektriker' holen ging, erklärte mir die andere, daß sie hier arbeite - "für die Männer" und sie fragte mich wo den mein Mädchen sei. - Na bravo, ich bin doch im Puff gelandet.

Nachdem der Bedienstete durch fachgerechtes Einführen eines Radiergummis in einen Ventilatorschlitz selbigen wieder zum Laufen gebracht hatte und mit einem stolzen Grinsen im Gesicht mein Zimmer verließ, beschloß ich am Morgen sofort das Hotel zu wechseln.

Dies sollte allerdings ein Vorsatz bleiben, denn bedingt durch den stressigen Vortag und die nächtliche Störung wachte ich erst um 2 Uhr am Nachmittag auf und es war genau 2 Stunden zu spät zum Check Out. Notgedrungen bleibe ich also eine weitere Nacht hier und werde versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich wechsel mein Zimmer innerhalb des Hauses und bewohne jetzt einen 3,5 m2 'großen' Raum für 130 P. Ich ziehe los um mich in der verbleibenden Zeit (es ist hier bereits um 18 Uhr dunkel) etwas in der Gegend zu orientieren. Auf meinem Spaziergang entdecke ich, daß meine Pension ganz in der Nähe des Meeres liegt. Obwohl dieses hier mehr eine Kloake ist und barbarisch stinkt, setze ich mich auf die Hafenmauer und genieße bei einer philippinischen Zigarette das Gefühl der Ferne.

Ich irre weiter durch Manila. Plötzlich entdecke ich ganz zufällig die Straße, in der das Hotel Natividad, wo ich am Mittwoch Stefan und Litzi erwarte, liegen sollen. Ich laufe los, denn soweit ich mich auf meinem Stadtplan orientiert habe ist es nur ein paar Schritte zu Fuß dorthin. Nach einigen Minuten erreiche ich die Pension, die wesentlich ruhiger liegt als meine Absteige. Ich bin sofort von der Athmosphäre hier begeistert. Ein Wachmann öffnet mir die Tür und bittet mich freundlich hinein. Das Hotel macht einen sauberen Eindruck und das Personal ist sehr hilfsbereit. Ein Zimmer kann ich mir hier nicht leisten, aber ein Bett im Schlafsall ist sogar billiger als der Stall in dem ich wohne. Also reserviere ich mir ein Bett für morgen und bin froh, endlich wieder unter 'Menschen' zu sein. Als ich im Biergarten der Pension noch etwas trinke, fällt mir auf, daß mein Tischnachbar Deutscher ist, und ich spreche ihn an. Er kommt aus Konstanz, ist nur auf der Durchreise von irgendeiner Südseeinsel und bleibt gezwungenermaßen eine Woche in Manila, weil er kein Anschlußflug bekam. Ich sage ihm, daß ich völligst planlos bin und nicht mal weiß, wie hier der öffentliche Verkehr funktioniert. (Ich meine damit die sogenannten Jeepneys, die hier das Straßenbild prägen. Jeepneys sind Relikte aus den Zeiten der Amerikaner, die mittels eines für den nicht Eingeweihten völlig unbegreifbaren Systems ein weiträumiges Verkehrsnetz angeblich nahezu vollständig abdecken.) Er gibt mir einige Tips, auch wenn er ebenfalls etwas unsicher ist.

Wir gehen zusammen zum Rizalpark, wo ein gigantischer Gottesdienst stattfindet, bei dem die 'Gemeindemitglieder' im Scheinwerferlicht Balladen singen und ein weißes Tuch mit Jesuszeichnung in die Luft recken. Irgendwie kommen mir die Menschen ihren Glauben betreffend viel motivierter und friedlicher und ‚peaciger‘ vor, als die mir noch aus den Zeiten, in denen ich noch ab und zu zur Messe ging, bekannten 'Gläubigen'. Das Essen scheint hier in der Stadt etwas teurer zu sein. Man muß knapp 10 DM für eine Mahlzeit ausgeben, fast drei mal so viel wie beispielsweise in Bangkok. Aber dafür kostet ein Päckchen Camel nur 60 PF. Nach der Messe verabreden wir uns im 'Rosies Diner', einem im Stile der amerikanischen 50er Jahre eingerichtes Restaurant, um etwas zu drinken. Da ich langsam Hunger bekomme gehe ich bereits früher dort hin. Weil die Karte voll mit konfusen Bildern zwischen irgendwelchen nicht zu entziffernden Menuebezeichnungen wie 'Meat Crack super deluxe' oder ‚Buffalo’s Eve‘ ist, bestelle ich einen Hamburger, um jeder Überraschung zu entgehen.Im Lokal sitzen vorwiegend irgendwelche fettbäuchigen Männer in Begleitung kleiner, hübscher Philippinas und führen, soweit ich das mitbekomme relativ nichtssagende Unterhaltungen. Ich komme mit zwei etwa 40 jährigen Philippinas, die mich um Feuer baten, ins Gespräch und bemerke bald, daß sie eine Art Zuhälterinnen sind. Ich erkläre ihnen, daß ich prinzipiell nie Geld für Frauen bezahle und sie beginnen mir aus ihrem Leben und ihrer Ex-Bardamenzeit zu erzählen. Auch wenn ich jetzt mehr über die Prostitutionsszene Manilas weiß, nehme ich das Gespräch nicht so ernst. Anscheinend bedeutet es für eine Philippina das größte Glück der Welt einen europäischen, amerikanischen oder australischen Mann zu heiraten, auch wenn er aussieht wie ein gammliger Fleischberg mit Gesicht...

Später kommt der Konstanzer mit einem etwa 45 jährigen belgischen Bekannten, der hier eine Philippina zum Heiraten sucht, und wir trinken noch etwas zusammen und tauschen alte Reiseerlebnisse aus. Danach gehe ich hoffentlich zum letzten Mal zur La Soledad, um die Nacht in meinem ungeliebten Raum zu verbringen. Ich schlafe schlecht.

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Montag 29.8.1994

Ich werde gegen 11 Uhr vom hauseigenen Wake-Up-Call-Service geweckt, dusche mich und verlasse das widerliche Loch - auf 'Niemehrwiedersehen'. Im Natividad beziehe ich mein Bett im Schlafsal. Dort lerne ich Andi kennen, der im Doppelbett über mir schläft. Er ist genauso alt wie ich, studiert in Freiburg Geographie und Soziologie und reist bereits zum dritten mal durch die Philippinen. Er kennt sich hier sehr gut aus und gibt mir einige Tips. Wir setzen uns in den Garten und es dauert nicht lange, da kommen noch andere Reisende, die Andi schon kannte zu uns. (Iris, 20, aus Landshut / Rèmo, 48, ein typischer 68er Aussteiger aus Frankreich und seine 'Begleiterin' Susanne mit der er in Australien lebt). Rèmo schwärmt uns heiße Stories aus seiner Reisezeit 1968 - 70 in Indien vor und trinkt beiläufig mindestens 15 Flaschen Bier, die sich außer dem zunehmend sentimentalen Gehalt seiner Erzählungen nicht auf seinen Bewußtseinszustand auszuwirken scheinen. Er hat vor, noch mit Susanne zum Tourist Office zu fahren, und ich beschließe mitzufahren, um die Bus-Abfahrtszeiten zu unseren einzelnen Reisezielen zu erkunden. Auf dem Weg fahre ich zum ersten mal Jeepney, und merke, daß das alles gar nicht so schwer ist. Es gibt knapp 10 Hauptrichtungen, die fast alle wichtigen Punkte der Stadt abdecken. Somit muß man nur wissen, in welcher Richtung sein Ziel liegt und steigt dann in irgendeinen Jeepney, der eben diesen Namen im Frontfenster auf einem neonfarbenen Schildchen stehen hat. Da in einer Minute schätzungsweise 10 Jeepneys der gleichen Richtung vorbeikommen, kann man sogar den auswählen, der beispielsweise die beste Musik, oder die schönsten Mitfahrerinnen hat. Hat man ihn dann per Handbewegung zum Halten gebracht und ist schnell eingestiegen, wird das Fahrgeld von 1,5 bis 3 Pisos von Mann zu Mann nach vorne gereicht. Das Problem ist jetzt nur das Aussteigen, denn woher soll man wissen, wan man an seinem Ziel angekommen ist, wenn man noch nie dort war ? Aber dazu habe ich ja den alten Hasen Rèmo dabei. Zum Aussteigen, klopft man einfach an die Decke des Fahrzeugs, das dann rechts ran fährt und hält.

Im Tourist Office finde ich einige recht unmotivierte Beamte vor, denen ich wahrlich jede Information aus der Nase ziehen muß. Aber letztendlich bekomme ich sämtliche Abfahrtszeiten der Busse in das nördliche Bergland in Form fast unleserlicher 'Computer Prints' und bin damit, wie mir Rèmo bestätigt, verglichen mit seinem ersten Besuch hier überdurchschnittlich erfolgreich gewesen.

Anschließend führen mich die Beiden in ein Restaurant in der Del Pilar Road, in dem auch unsere Pension liegt. Wir essen gebratene Shrimps in einer köstlichen Sauce, gekochten Thunfisch mit Gemüsereis und italienischem Salat und trinken ein paar Bier dazu. Ausgezeichnet ! Als wir die Rechnung bekommen und ich 170 P. zahlen muß wird mir klar, daß ich in den nächsten Tagen etwas kürzer treten muß.

Abends treffe ich Andi im Natividad und wir gehen zu Eddi, einem Ex-Seemann, der seit einiger Zeit auf der Straße lebt und mit seiner Frau und seinen 5 Kindern an einem kleinen Holztisch Kaugummis, Kaffee und Erdnußbutterbrötchen an die in der Gegend arbeitenden Bauarbeiter verkauft. Andi scheint ihn bereits länger zu kennen. Eddi ist echt ein armer Kerl, und wir trinken zusammen ein Bier in einer billigen Kneipe. Er erzählt, daß er mit seinem 'Gewerbe' etwa 100 P. am Tag verdient (= 6 DM). Er läd uns zum Kaffeetrinken am nächsten Morgen ein. Schließlich gehen wir wieder zum Hotel und sitzen mit dem Franzosen und einer 20jährigen Köllnerin, die morgen zurück nach Deutschland fliegen wird, bis 4 Uhr in der Nacht im Garten und tauschen Reiseerlebnisse aus, wobei Rèmos knallharte Erzählungen, bedingt durch seine extrovertierte Art, klar dominieren.

Die Verwirrung der ersten beiden Tage scheint vorbei zu sein. Ich weiß jetzt schon relativ viel über Manila und beginne mich wohl zu fühlen.

 

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Dienstag 30.8.1994

Andi weckt mich um 9 Uhr und ich kämpfe mich aus dem Bett. Wir haben ausgemacht heute Vormittag gemeinsam nach Baclaraan zum Straßenmarkt zu fahren. Vorher 'frühstücken' wir noch bei Eddi. Er will mir am Nachmittag einige Gitarrenläden in Santa Cruz, einem Stadtteil von Manila, zeigen. Der Markt ist sehr atmosphärisch. Es gibt viele Kleidungsstände, doch da die meisten Sachen von mäßiger Qualität sind, muß man schon geduldig stöbern, um einige Schnäppchen zu ergattern. Aber mit dem Einkaufen will ich bis zum Ende der Reise warten, da ich froh bin, daß mein Gesamtgepäck nur 8 kg wiegt, und dies auch so bleiben soll.

Wir fahren wieder zu Eddi, wo ich Andi, der heute nach Bangkok fliegt, verabschiede. Danach fahren wir los nach Sta. Cruz. Eddi kennt Manila scheinbar in und auswendig, und er gibt mir viele wertvolle Tips, zum Beispiel, wo man was kaufen kann, wo man günstig ißt, von welchen Gegenden man sich besser fernhält und vieles mehr. Mir wird bewußt wie viel Geld ich bisher vergeudet habe, denn zu jeder Ausgabe, die ich bisher getätigt habe kennt Eddi eine günstigere Möglichkeit gleich um die Ecke.

Die Gitarren haben lausige Qualität; ich bin schon froh, wenn sich überhaupt mal eine stimmen läßt. Dafür sind sie sehr billig - eben ideale Lagerfeuer-Schrädder-Gitarren, mehr nicht. Wir gehen ins China-Town und Eddi überflutet mich mit Informationen. Er ist ein netter Kerl, der einen ehrlichen Eindruck macht, und wir verabreden uns für abends zum gemeinsammen 'Umtrunk'.

Morgen werden Jan und Stefan kommen. Die Beiden werden ganz schön von meinen Erfahrungen der ersten Tage zähren und es wohl erheblich leichter haben.

Abends ziehe ich mit Eddi durch mehrere Kneipen und erfahre sein hartes Schicksal. Er ist gezeichnet von seinen Erfahrungen. Es ist schon komisch. Ich sitze da, denke von mir, daß ich kein bischen reich bin und mich so recht und schlecht durchs Leben schlage, habe aber ein Hotel und alles was ich so brauche, und mir gegenüber sitzt jemand, der 6 Personen und sich selbst ernähren muß und so gut wie kein Geld hat, und wir reden als wäre nichts dabei. Irgendwie komme ich mir schäbig vor, daß ich ihm außer den Bieren nichts gebe, aber sogar diese will er sich nicht bezahlen lassen. Erst als ich ihm sage, daß er mir eine Freude machen würde, wenn ich ihn einladen dürfte, nimmt er an. Um 2 Uhr bringt er mich zum Natividad, da ich den Weg wohl nie alleine gefunden hätte. Es regnet.

 

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Mittwoch 31.8.1994

Ich schlafe bis 12 Uhr. Alle anderen im Schlafsaal (die Belegung wechselt täglich) sind schon weg. Heute kommen Litzi und Stefan. Ich frühstücke wieder bei Eddi für 10 P. und gehe zum Natividad um auf die Beiden zu warten. Iris ist die einzige, die noch nicht abgereist ist und wir plaudern währenddessen ein wenig.

Um 19.15 kommen sie dann auch, mit 3 stündiger Verspätung und ähnlich verwirrten Blicken wie ich sie ganz zu Beginn hatte, ins Natividad hereinmarschiert. Ich dachte schon, es sei etwas dazwischengekommen.

Ich mache mit ihnen eine Schnellführung 'Manila', stelle ihnen Eddi vor und bin ganz glücklich, daß sie bereitwillig zustimmen, schon morgen früh nach Banaue in die Berge zu fahren. Der Bus wird um 7 Uhr fahren. Litzi und Stefan sind sehr müde vom Flug, und wir gehen früh zu Bett. (11 oder 12 Uhr).

 

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Donnerstag 1.9.1994

Die Reise beginnt !!! Um 4.45 Uhr weckt uns der Wake-Up-Service. Dusche, anziehen, Check-Out und los mit dem Taxi zum Dwanga-Bus-Terminal nach Quezon City. Die Busfahrt kostet 160 P. Wir fahren zuerst ca. 5 Std durch flaches Land, dann beginnt abrupt das Gebirge, die Straßen werden holpriger und wir brauchen nochmal etwa 5 Std. bis wir in Banaue ankommen. Die 'Stadt' ist völlig anders als ich sie mir vorgestellt hatte. Es ist ein kleines Dorf mitten in gebirgigem Dschungel. Die Urwaldkulisse wird akustisch durch unbeschreiblich lautes Grillengezirpe untermalt. Wir suchen in unserem Reiseführer die Pension Yericho heraus. Keiner da ! Also kaufen wir auf dem Markt ein paar Früchte und setzen uns in das Empfangszimmerchen der Pension. Das Haus erinnert mich an ein Schlaflager in europäischen Hochgebirgen, ist spärlichst eingerichtet, aber relativ sauber. Da keiner zu kommen scheint suchen wir uns selbst eines der insgesammt 4 Zimmer der Pension aus. Schließlich erscheint eine junge Frau, die uns erzählt, daß die Besitzer des Hauses gestern nach Israel ausgewandert seien und die neuen Eigentümer morgen kommen wollten. Der Preis sei 50 P. pro Person. Wir sind also die ersten Gäste hier und haben wohl das ganze Hotel für uns ! Alles ist sehr einfach, aber die Bergdorf-Athmosphäre ist wunderbar. Wir sind hungrig und tasten uns durch die Stockfinsteren Gassen bis zum Restaurant am Dorfplatz vor. Hier treffen wir Frank, einen mäßig sympathischen Osnabrücker, den Litzi und Stefan während des Fluges kennenlernten. Wir wollen morgen eine Wanderung zu den Reisterrassen nach Batad machen und müssen, um zum Ausgangspunkt des Trecks zu kommen, einen Jeepney mieten. Wir beschließen, das Geld (500 P. für den ganzen Tag) durch vier zu teilen (incl. Frank) und verabreden uns um 6 Uhr am Marktplatz.

 

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Freitag 2.9.1994

Der Dorfhahn weckt uns um 5.30 Uhr und wir sind pünktlich um 6 Uhr am Treffpunkt. Der Jeepney windet sich ca. 1 Std auf einem schlammigen Holperweg serpentinenartig zum Junction, dem Ausgangspunkt der Wanderung.

Wir gehen zunächst auf einem schmalen Trampelpfad hangaufwärts durch eine steile, dichtbewachsene Dschungellandschaft und erreichen nach der anstrengenden Steigung die Spitze des zu überquerenden Berges, den ersten 'View-Point', von dem aus man einen beeindruckenden Blick in ein weitläufiges Tal hat. Die Sonne kommt gerade hinter den Bergen hervor, als wir uns nach kurzer Rast auf den Weg zu unserem nächsten Ziel, dem 'View-Point 2' über Batad, machen. Der Weg geht fast ständig bergab und die Vegetation ist nicht mehr ganz so dicht. Ich habe einiges über die Reisterassen von Batad gehört und bin gespannt, ob sie wirklich ein so ergreifendes Bild geben, wie behauptet wird. Vom 'View-Point 1' aus waren auch vereinzelt Reisterassen von geringerem Umfang zu sehen gewesen, und man konnte auch fast bis zum Tal von Batad schauen, aber ein Felsvorsprung hat die Sicht verhindert. So geht es uns auch dauernd auf dem Weg zum zweiten Aussichtspunkt, der von oben gar nicht so weit aussah, der sich aber scheinbar endlos in die Länge zieht. Man weiß genau, wo das Tal liegt, könnte aber meinen, der Pfad sei bewußt so angelegt worden, daß man erst im letzten Moment, das heißt 15 m vor dem 'View-Point', die wahre Pracht der ergreifenden Reisterrassen von Batad, die so gleichförmig im Stil eines römischen Amphitheaters in 2000 jähriger Fleißarbeit angelegt wurden, sieht. Wir kommen also an diesem Aussichtspunkt völlig erschöpft an, lassen uns auf eine improvisierte Holzbank fallen und können gar nicht fassen, was da vor uns liegt. Unsere Erwartungen wurden um vieles übertroffen.

Ein Eingebohrener im Lendenschurz, dem wir bereits auf dem Weg begegnet waren, als er unseren Weg mit einem geschulterten Baumstamm kreuzte, kommt hinzu, geht in die am View-Point stehende Bambushütte und holt eine Holzkiste mit Sprite und Wasser, die er offensichtlich selbst über den Berg geschleppt haben muß, und bietet sie uns zum Kauf an. Wir rauchen mit ihm eine Pfeife und machen uns auf den Weg nach unten ins Dorf.

Der Pfad geht durch Gärten, vorbei an Hütten und diversem Viehbestand, über die glitschigen Reisterassen, durch einen Schulhof und viele stufenlose steile Lehmhänge, die Frank größere Probleme bereiteten, da er mit seinem Gleichgewichtssin wohl auf Kriegsfuß steht. Schließlich kommen wir nach fast einer Stunde in Batad an. Das Dorf ist wie leergefegt. Nur einige Kinder und die Dorfälteste scheinen hier zu sein. Ein Junge erklärt uns, daß gerade alle auf den Terrassen am Arbeiten sind. Wir genießen noch einige Minuten die Athmosphäre dieses unschuldigen Fleckchens Erde und machen uns dann, vom Durst getrieben wieder auf den Weg nach oben, wo Litzi eine Art Schlaflager mit 'Restaurant' gesehen haben will. Schließlich sitzen wir in einer almartigen, offenen Kneipe und essen eine wahrlich improvisierte Batad - Pizza, an der sich mancher italienische Bäcker 'eine Scheibe abschneiden' könnte. Wir lernen einen alten Mann kennen, der uns erzählt, er sei der Bergführer von Jens Peters, dem Autor unseres Reiseführers, gewesen. Dabei erfahren wir, daß dieser so heldenhaft schreibende 'Extremtourist' in Wirklichkeit die Philippinen weniger wegen dem Abenteuerpotential, sondern mehr wegen der weiblichen Verzückungen bereist haben muß, was ich mir nach seiner Empfehlung der Pension La Soledad in Manila als 'sauber und gut' ja schon gedacht hatte.

Um 1 Uhr beschließen wir den Rückweg anzutreten, da uns der alte Mann in wahrlich magischer Manier berichtet, daß er fest mit Regen am Nachmittag rechnet. Just in diesem Moment setzt ein leichter Regenfall ein. Die Vorstellung, daß diese steilen Lehmpfade jetzt alle aufweichen und zu rutschigen Matschbahnen werden versetzen nicht nur mich in Schrecken. Da wir mit zunehmendem Regen rechnen, beeilen wir uns beim Aufstieg zum View-Point 1 und kommen nach knapp zwei Stunden dort mit kürbisgroßen, tomatenroten und tropfnassen Köpfen dort an. Besonders Stefans Schädel wäre glaube ich bei der kleinsten Erschütterung sofort zerplatzt, als wir hächelnd auf den eigentlich als Bank dienenden Baumstämmen lagen und alle Viere von uns streckten. Nachdem wir uns eine halbe Stunde erholt hatten, erwartete uns noch der Abstieg durch den Dschungel. Hier war der Weg sehr rutschig und wir lagen nicht selten unabsichtig quer in der Luft. Zu all dem setzte auf halber Strecke, als wir aber gottlob bereits die schwierigste Passage bewältigt hatten, der erwartete Dschungelregen ein. Das Wasser prasselte bald so heftig auf uns herab, daß man fast nichts mehr sehen konnte. Da es zu der Daseinsform 'völlig nass' keine Steigerung mehr gibt, sagen wir uns 'was solls' und stapfen munter weiter, bis wir komplett durchweicht den Junction mit dem brav wartenden Jeepney erreichen. 'To the natural pool, please', sage ich zu unserem Jeepneyfahrer, der in diesem Augenblick wohl völlig am Verstand der Europäer gezweifelt haben muß, denn bei dem Natural Pool handelt es sich um ein natürliches Wasserbecken an dem kleinen Fall eines Bergflusses, der im Sommer zu einem erfrischenden Bad einläd. Aber jetzt, wo wir sowieso klatschnass waren, wollten wir uns den Spaß eines Bades in voller Montur und das Austoben der Freude über den gemeisterten Treck auf keinen Fall entgehen lasen.

Abends gibt es den verdienten Rum-Rausch und Butterbrot-Obst Dinner. Morgen früh wollen wir um 6.30 Uhr mit dem Jeepney nach Sagada weiterfahren, was noch weiter nördlich liegt. Unsere gesamten Klamotten sind naß, und die feucht kalte Witterung läßt keine Aussicht offen, daß das Zeug bis morgen trocken sein wird. P.G.

 

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Samstag 3.9.1994

Auf den Dorfhahn war wieder Verlaß, und so sitzen wir punkt 6.30 im Jeepney nach Bontoc. Die Fahrt verläuft ständig bergauf. Dichter Nebel behindert die Sicht und es ist verdammt kalt. Das ist deshalb besonders unangenehm, weil ich nur eine Shorts und ein Hemd trage, da alle anderen Klamotten wie erwartet noch naß sind. Die 'Straße' ist ein einziges Schlagloch-Gemetzel, und ich frage mich wie hier ein Fahrzeug überhaupt hochkommen kann. Da man die Tiefe der mit Regenwasser gefüllten Schlammlöcher oft nur erahnen kann, kommt der Jeep des öfteren gefährlich ins Rutschen, und da die Straße, die durch eine tiefe Schlucht begrenzt wird, nur etwa 2 m breit ist, kann man sich vorstellen, daß die Fahrt nicht gerade ein Zuckerlecken war. Da durch die Bodenschläge jeglicher Schlaf zumindest für einen Europäer unmöglich war, vertrieben sich Stefan und ich die Zeit zwischen den Atempausen mit dem Singen deutscher Volkslieder, was zumindest meine Schüttelfrostanfälle etwas reduzierte. Während der Fahrt steigen zwei ca. 40 - 50 jährige Australier zu. Der eine erzählt er sei Wissenschaftler und lebe seit mehreren Jahren in Sagada, "weil es dort billig ist" und der andere besucht ihn. Litzi nutzt, da er den Beiden gegenüber sitzt, diese Chance, um sein Englisch etwas aufzufrischen. Nach drei Stunden und Gänsehaut wie Brustwarzen erreichen wir Bontoc. Das Städtchen scheint etwas größer zu sein als Banaue. Wir müssen ca. eine Stunde auf den Anschlußjeepney nach Sagada warten, und nutzen diese Zeit zum Aufwärmen bei einer Tasse 'Native-Coffee'.

Die zweite Jeepneyfahrt nach Sagada dauert ca. eineinhalb Stunden. Das Bergpanorama, das erst jetzt, da sich der Nebel auflöst sichtbar wird ist klasse. Sagada ist ein unwahrscheinlich sympathisches Dorf, dem man sofort anmerkt, daß die Uhren hier anders schlagen. Man muß sich die Atmosphäre wie in einem schweizer Bergdorf zur Jahrhundertwende vorstellen, nur mit fernöstlichem Touch. Es gibt einen Kiesweg, der sich durch das Dorf windet, und an dem einige Kaufläden, zwei Restaurants und eine kleine Bank liegen. Alle Häuser sind aus dunklem Holz gebaut. Das Angebot der Kaufläden erinnert mich an die Kollonialhandlungen alter Cowboyfilme, und geht von rostigen Nägeln, über Spitzhacken, Seile, Kerosinlampen bis hin zu Brot, Getränken und Schokolade. Urig!

Wir fragen uns durch zum Green House, einer Empfehlung von Rèmo. Dort angekommen mieten wir ein sauberes, aus zwei holzverkleideten gemütlichen Zimmern bestehendes Appartement mit Küchen- und Wohnzimmermitbenutzung für 50 P. pro Person. Sofort steht ein junger Philippino bereit und fragt uns ob wir ein Bòlò (Bambusmesser, und Kultobjekt aller Philippinos) kaufen wollen. Da wir bejahen verpricht er uns für 250 P eins zu besorgen. Wir geben ihm 250 P. und er verspricht es uns mittags vorbeizubringen.

Stefan und ich kaufen zwei Kokosnüsse. Aus der einen bauen wir eine Bong, aus der anderen machen wir einen Rum-Coco-Punch. Was danach folgte war klar. Der Vollrausch...

... mit anschließendem Banana- und Pineapplepancake, Fried Rice with Vegetables, Spaghetti, Big-Sandwich No.16 - Gemetzel, und das alles, nachdem wir am Nachmittag bereits eine Chop-Suey Platte der Spitzenklasse verzehrt hatten. Hinzu kam, daß wir zufällig im Restaurant Rèmo und Susanne wiedertrafen und dieses Ereignis mit Bier und französischem Pernot begossen. Schließlich folgte, da die offenbar hochemanzipierten Dorffrauen als Reaktion auf die allabendlichen Saufgelage ihrer Ehemänner ab 21 Uhr für das gesamte Dorf Ausgangssperre angeordnet hatten und die Bar schloß, noch ein paar Coco-Bongs im Zimmer und auf Litzis Drängen noch Asse-Ziehen mit Rum pur Trunk, was dann auch den 'Final Endkick' bedeutete.

In der Dorfbar haben wir Carsten, Rose und zwei weitere Mädchen, deren Namen ich vergessen habe, kennengelernt. Wir erfahren, daß sie auch im Green House wohnen und wir beschließen uns morgen früh einen Führer zu den Caves von Sagada zu teilen. Treffpunkt 9 Uhr vorm Haus.

 

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Sonntag 4.9.1994

Nach dem kräftigen Umtrunk gestern war bereits vorprogrammiert, daß wir heute verschlafen. Aber Carsten hat uns geweckt und so kommen wir zwar nur durch stressiges Waschen und Anziehen beinahe rechtzeitig zum Treff. Nach einigen heftigen Preisdebatten waren wir dann bereit zum Marsch. 7 Personen und zwei Führer mit Kerosinlampen. Nach gut einer halben Stunde erreichen wir die sogenannte Big Cave. Sie hat einen etwas nach unten versetzten riesigen Eingang und bereits beim Abstieg dorthin hätte ich mich auf den nassen, rutschigen Steinen beinahe gewaltig hingelegt. Hinter der Felsöffnung folgte eine riesige, fledermausbehangene Steinhalle. Wir kletterten über die glitschigen, unberechenbaren Felsen, die zu dem noch mit Moos bewachsen waren weiter ins Erdinnere. Es wurde stockfinster und der Schein der Kerosinlampen war nur dann hell genug, wenn keiner vor einem lief und ihn verdeckte. Bald kamen wir zu einem Bach, der unseren Weg von da an begleitete, und dessen Lauf wir des öfteren kreuzen mußten.

Da die Höhle eben sehr unregelmäßig, mal eng, mal breit, mal flach, mal hoch war und an ihrer natürlichen Beschaffenheit bislang noch nichts verändert wurde, kann man eigentlich weniger von Bach, als von einem System aus Bassains und kleineren Wasserfällen sprechen. Vereinzelt mußten wir Seilschaften bilden, um schwierigere Abstiege zu meistern. Plötzlich rutschte Litzi aus und hätte sich und Stefan, an dem er sich im Affekt festkrallte, beinahe einen Abhang heruntergestürzt, wo eine Reihe aus einem flachen Wasserbecken herausragender spitzer Felsen die beiden empfangen hätte, aber zum Glück war Stefans Stand in diesem Moment fest genug.

Die Folge des schwierigen Abstieges und des Herumwindens um nasse, enge Felsformationen war, daß wir wiedermal naß bis auf die Haut waren, aber das sind wir ja schon gewohnt. Am Ende der Höhle folgte dann ein weiteres Bassain mit glasklarem, aber eiskaltem Wasser, in das wir uns natürlich sofort hineinstürzten und unseren Kindertrieben freien Lauf ließen, obwohl die Tatsache, daß es halt völlig dunkel war und man weder Tiefe noch Weite des Natural Pools kannte, das Bad doch sehr abenteuerlich machte.

Der Aufstieg war wenig problematisch. Ich bin wirklich beeindruckt von der Höhle und glaubte des öfteren, ich sei auf der Suche nach dem verlorenen Schatz, zumindest war die Kulisse dementsprechend und meine Erwartungen sind wiedermal weit übertroffen worden.

Mittags regnet es wieder und wir bleiben im Zimmer und fröhnen den Restbeständen. Erwähnenswert ist noch, daß Stefan und ich mit geliehenem Bòlò im strömenden Regen auf Bambussuche gingen, und nachdem wir das Dorf bereits weiträumig umrundet hatten und schon nicht mehr an Erfolg glaubten, fanden wir schließlich einen netten Philippino, der uns ein Stück von seinem Bambuszaun abschlug, was uns mit heldenhaftem Stolz zu Litzi, der seit 3 Stunden auf uns wartete, zurückkehren ließ - tropfnass!

Wir entschließen uns, da ich Morgen weder Lust auf nasse Klamotten, noch auf kurze Hosen habe unsere Klamotten, das heißt wenigstens die beiden Jeans zu trocknen, koste es was es wolle. Da man hier nicht viele Möglichkeiten kennt, Wärme zu erzeugen, wir aber wegen des naßkalten Wetters Wärme zum Trocknen benötigen, schleichen wir uns schließlich in die Küche des Hauses und braten unsere Sachen in einem Topf auf dem Gasherd. Zu dumm, daß uns prompt die alte Besitzerin erwischt und wohl völlig verzweifelt über so viel Dummheit ist. Ihr zu erklären, daß wir seit fast einer Woche in nassen Hosen herumlaufen wäre wohl zu kompliziert. Schließlich baut sie für uns ihren Bügeltisch auf und reicht uns ein erstaunlich modernes Bügeleisen, mit dem es uns gelingt, die Klamotten wenigstens weitgehend zu trocknen. Litzi hielt währenddessen ein kleines Nickerchen.

Abends folgte ein gutes Abendessen in einem versteckt gelegenen Restaurant am Dorfrand.

 

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Montag 5.9.1994

Heute ist Abreisetag. Der Morgen war die reinste Hektik. Zuerst haben wir verpennt und den 6 Uhr Bus nach Baguio verpaßt, dann gabs Probleme, weil der Typ, der uns noch das Bòlò schuldet, kurzfristig nach Bontoc abgereist sein soll. Stefan und ich bekommen heraus, wo der Vater des Types wohnt und wir machen uns auf den Weg durch irgendein verwundenes Nutzgartensystem, bis wir zu einem Holzhaus kommen, das uns als das Elternhaus unseres Ganoven beschrieben wurde. Wir klopfen und gehen hinein. Ein alter Mann kommt verängstigt aus einem Nebenzimmer. Wir machen ihm energisch klar, daß sein Sohn uns betrogen hat, aber ich bekomme ein schlechtes Gewissen, denn der Alte scheint einem Herzinfarkt nahe zu sein und er beteuert, daß seine Familie seit Generationen eine angesehene, rechtschaffende Familie in Sagada sei. Also beruhigen wir ihn erstmal und machen uns auf den Rückweg zum Green House. Dort beteuert die Besitzerin, die wir zur Rechenschaft ziehen wollen, daß sie nichts mit dem Kerl zu tun hat, dabei hat er uns in ihrem Wohnzimmer angesprochen. Diese Tatsache kostet die Frau ihr eigenes Bòlò, dessen Aufbewahrungsort in der Küche ich zu ihrem Nachteil am Vortag herausbekommen hatte. Ich denke, so hat die Gerechtigkeit wiedermal gesiegt, denn die Alte wird sich das Bòlò, das uns der Bengel nicht brachte, nun selbst holen.

Danach folgte noch etwas Streß da ich meinen Geldbeutel vergessen zu haben glaubte, und der Bus kehrte eigens für mich nochmal zurück, doch ich merkte peinlicherweise, daß die ganze Hektik umsonst war, denn er lag friedlich in meiner Tasche. Um 7.30 Uhr fahren wir schließlich und endgültig in einer größeren Schrottbüchse auf vier Rädern nach Baguio.

Wie auf allen Pisten dieser Region werden wir auch auf dieser Fahrt kräftig durchgerüttelt. Aber das herrliche Panorama auf der Fahrt, bestehend aus Wolkenfeldern, die tief in den Tälern liegen, Wasserfällen, die sich in die Flüsse im Tal herabgießen, steilen Abhängen, in die unsere Straße so knapp wie eben möglich eingearbeitet wurde, Holzbrücken, die über tiefe Schluchten ragen und vielen weiteren fastzinierenden Eindrücken, lassen uns alle Schmerzen vergessen.

Um 13 Uhr liefen wir in Baguio der Sommerressidenz vieler Philippinos ein, wo wir in der Bahnhofsgaststätte kurz snackten, und den Anschlußbus nach Manila um 13.30 Uhr nahmen. Es handelte sich dabei um einen Schrotthaufen, der den Vorherigen noch übertraf. Bereits am Ortsausgang Baguios hatte er die erste Panne. Es klang als sei das Kupplungsseil gerissen. Und das schien sich auch zu bestätigen, als ich den Fahrer mit einem Fahrgast und etwas Klebeband unter dem Bus liegen sah und die Fahrt nach kurzer Unterbrechung weiterging. Von da an schaltete der Fahrer nicht mehr. Offensichtlich hat er den 3. Gang damit fixiert und will jetzt mit diesem bis nach Manila fahren.

Kleinere Pannen dieser Art wiederholten sich während der Fahrt noch so ca. zehnmal und es war kein Wunder, daß dieser Höllenbus, in dem das Wort Schlaf keine Bedeutung hat, um 21.15 Uhr, also mit fast 3 Stunden Verspätung in Manila einlief. Absolut fix und ferig gelingt es uns, ein Taxi anzuhalten und wir fahren zum North Harbour, wo laut Reiseführer heute um 22.00 Uhr ein Frachtschiff nach Palawan ablegen soll. Doch die Ernüchterung kam. Der Hafen erinnerte mich an amerikanische Gangsterfilme der 50er Jahre. Alles stank, rechts und links waren eng verbaute Slums, aus denen allerlei dunkle Gestalten gafften. Halb bekleidete Seemänner geiferten uns dreckig lachend irgendwelche Wortfetzen zu, und ich sehe wie Stefan das 40 cm lage Bòlò, das aus einer Seitentasche des Rucksacks herausragt, fest in der Hand hält. Sogar der Taxifahrer hat sich geweigert, bis zum Büro des Frachtunternehmens zu fahren. Als wir dort waren sagten uns ein paar dreckige, dicke, mit Unterhemden bekleidete und mit Ankern tätowierte Männer, die gerade ein Würfelspiel machten, daß es das Schiff nicht mehr gibt. Wir sind bemüht, uns die Einschüchterung nicht anmerken zu lassen und drängen einen der Kerle, doch mal woanders anzurufen und zu fragen, wann das nächste Schiff nach Palawan fährt. Erstaunlicherweise versucht er es sogar, aber es macht den Anschein, als habe er noch nie in seinem Leben einen Telefonanruf getätigt. Wir bedanken uns und verschwinden. Hoffentlich wartet der Taxi noch. Als wir zurückgehen, werden wir wieder von diesen Kerlen, die gerade irgendwelche Schiffe beladen, angepöbelt. Nachdem ich es schon fast für aussichtslos hielt, hier ungescholten vorbeizukommen und unser Taxi glücklicherweise so geschäftstüchtig war, und mit unserem Zurückkommen aus dieser Gegend rechnete, fahren wir in einen etwas saubereren Teil des Hafens zur Williams Line und erfahren dort per Hinweisschild, daß das nächste Schiff nach Puerto Princesa morgen früh um 7.30 Uhr ablegt. Die Folge: eine weitere Nacht im Natividad !

Vorher aßen wir noch für ein kleines Vermögen im Pizza Hut zu Abend, aber das hatten wir uns verdient. Desweiteren hatte Stefan noch einige Probleme seine DM-Travellerschecks zu wechseln, da die Rate bei den Money Changern, die als einzige jetzt noch geöffnet hatten, zu schlecht war. Dusche - und Gute Nacht !

 

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Dienstag 6.9.1994

Um 5.30 stehen wir auf, duschen und checken aus. Mit einem Taxi fahren wir zum Hafen. Dort kaufen wir die Tickets für die einfachste Klasse auf dem Schiff (370 P.). Die Fahrt mit dem großen Hochseedampfer wird voraussichtlich 24 Stunden dauern. Die von uns gebuchte Klasse besteht aus einfachen Holzliegen in einem stickigen, völlig überfüllten Raum, also entschließen wir uns an Deck ein Lager einzurichten. Wir irren also etwas planlos über das Schiff und kommen schließlich zum Frontdeck, indem wir einige Kletteraktionen samt Gepäck bewältigen. Oben stellen wir dann fest, daß man das gleiche Deck, welches übrigens der einzige unbeladene Teil des Gesamtdecks ist, auch auf eine wesentlich einfachere Weise erreichen kann. Zunächst sind wir die einzigen Personen hier. Das Wasser am Hafen ist völlig verölt und ein einziges Müllfeld. Ich beobachte mehrere Personen, die mit riesigen Mülltüten aus den Slumgegenden kommen und ihren gesamten Unrat wie selbstverständlich ins Meer kippen. Als wir ablegen ziehen wir noch lange eine Spur durch die erschreckend gigantischen Abfallmassen, und erst nach 3 Stunden Fahrt (!) nimmt der Ölteppich ein Ende. Litzi gibt sich mitgebrachter Weltliteratur hin, während Stefan und ich über das Seemannsleben philosophieren und eine vorher besorgte Flasche Rum langsam aber sicher leeren. Es ist etwas diesig, aber die Sonne brennt trotzdem. Der Alkohol macht uns müde, und so machen wir auf dem Stahlboden ein kleines Mittagsschläfchen und wachen mit kräftigem Sonnenbrand wieder auf.

Litzi versuchte währenddessen mit meiner Spiegelreflexkamera das Ungeheuer von Loch Ness zu photographieren und berichtet später stolz, daß er zwei fliegende Fische im Kasten hat. Und so vertreibt sich jeder mit mehr oder weniger aufregenden Dingen die Zeit an Bord.

Das im Preis inbegriffene Abendessen hätte glaube ich ein verhungerndes Schwein abgelehnt, aber am Schiffskiosk bekommen wir Sandwiches und Gebäck.

Insgesammt ist die Schifffahrt angenehm, da das Schiff durch seine Größe genug 'Auslauf' bietet und man ständig mit irgendwelchen Europa-interessierten Philippinos ins Gespräch kommt. Das nutzen wir natürlich, um Reisetips für unser Ziel Palawan zu bekommen.

Stefan und mir gelingt es außerdem durch gerissene Überredungskunst, eine weiche Liegenauflage der 2. Klasse zu bekommen und mit an Deck zu nehmen, so daß die Schlafbedingungen in der kommenden Nacht enorm verbessert werden.

Abends machen uns noch zwei 18 und 25jährige Philippinas an, und wir versuchen die eine mit Litzi zu verkoppeln, der etwa doppelt so groß ist wie sie, aber mehr als ein herziges Photo gelingt uns nicht.

Die Nacht ist recht kalt, aber ich schlafe gut, wenn man mal von Stefans aufdringlichem Traumverhalten absieht.

 

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Mittwoch 7.9.1994

Um 5.30 Uhr wache ich auf, umringt von Passagieren, die den Sonnenaufgang und das am Horizont erkennbare Ufer Palawans beobachten, und das, nachdem wir gestern fast die einzigen Personen hier waren. Unser improvisiertes Lager im Fahrtwind war für manchen Philippino wohl in Anbetracht der in seinen Augen komfortablen Liegen unter Deck eine völlige Unverständlichkeit, zumindest deutete ich das aus den gaffenden Blicken, denen ich ein nett gemeintes "Moin Jungs !" entgegnete.

Um 7.00 Uhr laufen wir in Puerto Princesa ein.

Puerto Princesa ist verglichen mit bisher gesehenen Städten sehr sauber. Auf Palawan stehen hohe Geldstrafen auf Verschmutzung der Straßen aus. Es gibt auf dem gesamten Inselkomplex kaum Autos, dafür wimmelt es von Trycicles (Mopeds mit Beiwagen) auf denen im Normalfall drei, in Sonderfällen bis zu 10 Personen Platz finden. Eine Fahrt mittlerer Läng kostet 2 Piso. Palawan ist touristisch noch ziemlich unberührt und die Aufmerksamkeit auf den Straßen ist uns sicher. Die Insel besteht fast ausschließlich aus dichtbewaldetem Dschungel, traumhaften Stränden, einigen auf der Karte als Orte ausgewiesener Ansiedlungen aus wenigen Häusern und einer Stadt: Puerto Princesa. Wir wechseln zuerst Geld, laufen dann zur Jeepneyhaltestelle und nehmen nach einigen Diskussionen den 13 Uhr Jeepney nach Sabang, wo ein schöner Strand sein soll, sowie der legendäre Undergroundriver, ein riesiges Flußsystem unter der Erde.

Zunächst müssen wir einige Stunden im Jeepney warten, wobei der Fahrer scheinbar keine Veranlassung sieht, den röhrenden Motor abzustellen. Wir werden noch ungeduldiger und beginnen uns zu beschweren, als er, gerade nachdem die Fahrt beginnt, erst Tanken fährt, was er problemlos bereits hätte erledigt haben könnte, und an jedem zweiten Kaufladen der Stadt anhält, um noch etwas zu besorgen, aber wir schaffen es nicht seine Ruhe und Ausgelassenheit ins Wanken zu bringen. Außerdem scheinen wir die einzigen Passagiere im Jeepney zu sein, denen die Warterei auf die Nerven geht. Schließlich fahren wir etwa vier Stunden, bis wir in Sabang ankommen.

Bemerkenswert ist die Zahl der Mitfahrer, die bisweilen die 60 Personengrenze überschritt. In Deutschland würde bei einer Belegung mit 10 Personen ein ähnlichen Gefährt bereits als völlig überfüllt gelten. Dazu war das Dach noch voll beladen mit Kisten, Reissäcken, Bambusstauden und einem Motorrad. Die Jeepneyverbindung nach Sabang ist erst 1988 eingerichtet worden und stellt für die Bewohner der Häuser an der Strecke einen enorm wichtigen Wirtschaftsfaktor dar.

Sabang kann man schnell beschreiben. Es ist ein winziges Dörfchen an einem wunderbaren Strand, palmenbewachsen und ursprünglich. Die Versorgung mit Lebensmitteln und sonstigen Bedürfnissen ist sehr knapp, aber gerade erträglich (und relativ teuer). Es gibt zwei Cottage Ressorts am Strand und eines etwas ins Landesinnere, einen überdachten Billardtisch für die Dorfjugend und eine Jeepneyfahrer-Kneipe. Wir mieten eine Bambushütte bei 'Robert's Cottages' (150 P. für uns drei). Danach springen wir sofort ins Meer und genießen, bis wir völlig aufgeweicht sind, den herrlichen Blick auf den Strand, der direkt in dichten, bergigen Dschungel übergeht. Es ist wirklich paradiesisch hier.

Da es hier keinen Stromanschluß gibt, spendet ein Generator abends von 18.00 bis 22.00 Uhr gerade soviel Energie, um die Lampen der Cottages zum Leuchten zu bringen. Da der Strom trotzdem häufig ausfällt, bringt man uns eine Kerosinlampe für die Not.

Eines noch: Palawan ist eines der aktivsten Malariagebiete der Welt. Wir nehmen zwar täglich Tabletten und haben das beste Insektenöl dabei, das es in Deutschland gibt, aber eine gewisse Paranoia umgibt uns trotzdem, zumal ich bereits heute einige Stiche abbekommen habe.

Wir spannen unsere mitgebrachten Moskitonetze auf und schlafen relativ gut.

 

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Donnerstag 8. 9.1994

Endlich mal wieder ausschlafen. Um ca. 7.00 Uhr stehen wir auf und treten auf die Terasse unserer Bambus Hütte. Der Anblick ist fantastisch: Sonne, Palmen, Strand und Meer. Was liegt da näher, als sofort loszusprinten und sich athletisch in die Fluten gleiten zu lassen, und damit Frühsport, Duschen und Vergnügen zu kombinieren. Danach haben wir im Nachbarrestaurant gefrühstückt und uns dort eine "Schnorchelausrüstung" ausgeliehen. Wir sind also den gesamten Nachmittag durch die Riffs vor Sabang geschnorchelt und waren von der Unterwasserwelt fasziniert. Da dies natürlich hungrig macht, wollten wir eine doppelte Portion Thunfisch - Spaghetti, wieder im Nachbarrestaurant essen, das in Sichtweite von unserem Cottage liegt. Auf halber Strecke saßen drei Philippinos in den Mittdreißigern an einem Tisch und tranken Bier. Als wir vorbeigehen wollten riefen sie uns und luden uns zu einem Bier ein. Scheinbar hatten sie vor, uns zulaufen zu lassen, denn immer wenn einer von uns leer getrunken hatte, war sein Glas bereits wieder aufgefüllt. Wir machten dieses Spielchen eine Weile lang mit, aber dann trieb uns der Hunger zum Restaurant. Dort prosteten wir den bereits zu lallen beginnenden Philippinos provokativ mit einem großen Bier zu. Asiaten vertragen ja bekannterweise viel weniger Alkohol als Europäer, aber das wußten diese Jungs wohl nicht. Sie konnten scheinbar nicht fassen, daß wir noch nicht ohnmächtig waren, denn sie waren anscheinend die absoluten Kampftrinker von Sabang. Nach dem Essen zogen Stefan und ich dann mit 'Bört', einem der Jungs in die Jeepneyfahrer-Kneipe von Sabang, wo einige Philippinos beim Trinken saßen. Litzi wollte am Cottage ein wenig schreiben. Wir spürten, daß wir hier unseren Mann stehen mußten, und unser Gesicht verlierten, wenn wir nicht bis zum bitteren Ende am Ball, oder besser am Glas bleiben würden. Man darf das nicht mit europäischen Verhältnissen vergleichen. Sabang ist ein völlig abgelegenes Dörfchen, wo Trinken eines der wenigen Freizeitvergnügen darstellt, und die Rollenverteilung wie bei uns im Mittelalter ist: der Mann arbeitet tagsüber und betrinkt sich abends - die Frau sorgt sich um die Hütte, paßt auf die Kinder auf und sorgt abends dafür, daß der Mann sein Bier bekommt. Ich glaube nicht, daß man jemanden davon überzeugen könnte, daß diese Rollenverteilung nicht das gesellschaftliche Optimum ist, und so passen wir uns als Dorffremde der Situation an. Bört bestellt auch sofort eine Runde Bier. Da ich noch fit wie ein Turnschuh bin, bestelle ich die nächste Runde, und wir beginnen, die Flaschen 'abzuexen'. Bört scheint damit Probleme zu haben, denn er schafft die nächste, von Stefan spendierte Runde nur halb. Ich sage zu Stefan, daß er uns provoziert hat und daß wir ihn jetzt unter den Tisch trinken...

...Als ich die sechste Runde bestelle und mit Stefan wieder unverzüglich 'ex' abziehe, stehen vor Bört, der gar nicht gut aussieht, bereits drei volle, geöffnete Bierflaschen. Er hält sich ein Tuch vor den Mund, würgt ein paar mal, und verläßt dann wortlos hastig die Kneipe durch den Hinterausgang. Wir hören nur noch wilde Kotzgeräusche im Garten, und bestellen uns währenddessen Bier acht und neun. Als Bört verlegen zurückkehrt und sich entschuldigt ist der Tisch randvoll mit leeren Bierflaschen, und wir sitzen aufrecht am Tisch und fragen nur, ob er nicht noch ein Bierchen mit uns trinken will. Ich habe noch nie so viel Bier gesoffen, fühle mich aber noch immer erstaunlich fit. Mit denen vor und während des Essens habe ich nun schon 16 Bier getrunken, die meisten davon 'ex'. Bört ist immer ruhiger geworden und scheint uns für die absoluten Seemänner zu halten. Uns fällt ein, daß Litzi noch am Cottage sitzt und wahrscheinlich schon wütend ist, daß wir so lange weg sind. Wir gehen, naja ..torkeln also zum Cottage und motivieren ihn, noch mal mit zur Kneipe zu kommen. Dort zieht Litzi die gesamte Show noch einmal ab, so daß die Kneipe wohl den Umsatz ihres Jahres gemacht hat, und Bört, sowie die restlichen Kneipenbrüder, die sich längst bewundernd im Kreis um unseren Tisch aufgestellt hatten, begannen sich vergötternd bei uns einzuschleimen. Nach einer halben Stunde waren wir dann gehörig betrunken, hatten uns aber noch weitgehend unter Kontrolle, während Bört unansprechbar mit dem Gesicht im Biersud lag. Ich ging etwas früher als Stefan und Litzi und wäre auf dem Heimweg, als ich in der Finsternis (Sabang hat ja kein Strom und kein Licht!) vom Weg abkam, beinahe in eine Kloake gefallen, über die ein kleines geländerloses Holzbrückchen führte. Aber irgendwie leiteten mich meine verbliebenen Instinkte unversehrt über diese Gefahrenstelle hinweg, und ich fiel schließlich säuselnd in mein Bett.

 

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Freitag 9. 9.1994

Um 8.00 Uhr wache ich mit gehörigem Kater auf. Stefan philosophiert bereits auf der Terrasse und wartet, daß einer aufsteht, mit dem er einen Wettlauf ins Meer machen kann. Erstaunlicherweise habe ich diesmal mit einer Nasenlänge gewonnen.

Nach dem Frühstück mit reichlich Instant-Kaffe sind wir dann auf Bambussuche gegangen. Zuerst war unser Ziel der dichte Dschungel im Westen, aber als wir erkannten, daß zum einen dort kein Durchkommen ist und zum anderen die Moskitodichte bei 2 Mücken/cm³ liegt, gingen wir doch auf der Jeepneypiste etwas ins Landesinnere. Nach einigen Kilometern wurden wir dann fündig und ich habe meinen ersten Bambusstamm mit dem Bòlò umgehackt. Stolz wie Jäger nach der erfolgreichen Jagd marschierten wir dann wieder naß geschwitzt zurück ins Dorf. Jeder baute dann seine eigene Bambuspfeife. Zwischendurch sprang man mal ins Meer, zerhackte einige Kokosnüsse, ging zu dem sehr still gewordenen Bört, um ihn zu fragen, ob er nicht zum Bierchen vorbeikommen wolle, aß den einen oder anderen Banana Pancake und genoß das friedliche Leben von Sabang. Beim Frühstück haben wir ein deutsches Pärchen kennengelernt (Rosi & Peter, ca 30J.), die mit uns die einzigen Gäste im Ort sind, und wir haben uns zum Thunfischessen heute abend verabredet. Das war allerdings wieder mal der absolute Reinfall, denn das gute Stück, daß uns stolz und fein serviert wurde, war völlig verkohlt und von ursprünglich etwa 40 cm auf gerade noch 25 zusammengeschrumpft. Schließlich stocherten wir etwas in dem Brickett herum und hielten uns vorwiegend an den recht guten Gemüsereis, der dazu serviert wurde.

Gegen 21.00 Uhr kam plötzlich ein wahnsinniger Wind auf, und es begann leicht zu regnen. Wir hatten allerhand Zeug vor unserem Cottage liegen und Stefan und ich gingen los um alles in Sicherheit zu bringen. Auf dem Weg begann es plötzlich zu gießen wie ich es selten erlebt hatte. Wir rannten und lasen unser gesamtes Zeug, das sich um das Cottage verteilt hatte auf und warfen es irgendwie in die Hütte. Der Wind wurde wahnsinnig heftig und wirbelte allerhand Zeug wie Pflanzen, Klamotten der Dorfbewohner, Kokosnüsse usw. an unserer Hütte vorbei. Ich kam mir vor wie auf einem Segelboot in Seenot. Litzi kam im Karl Lewis Stil herbeigeeilt und teilte uns mit, daß dies ein erwarteter Taifun sei und wir uns besser in der Hütte zum Gebet versammeln sollen. Wir gingen heute also früher ins Bett, da die Hütte ziemlich genau die Größe von drei Betten hat, und hofften, daß sie dem Sturm standhält. Es regnete zwar herein, alles war klatschnaß, und es wackelte auch gewaltig - aber wir schliefen schließlich ein und vertrauten einfach dem Erbauer dieser Behausung und dem Lieben Gott, daß wir morgen genau an dieser Stelle und nicht irgendwo auf dem Meer wieder erwachen werden.

 

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Samstag 10. 9.1994

Als wir aufwachen stellen wir fest, daß der Sturm zwar aufgehört hat, der Regen aber nicht. Wir gehen also zu Robert's und lassen uns richtig Zeit zum Frühstücken und Kaffeetrinken. Litzi stößt, da ihn der Sturm wohl sehr beansprucht hat, erst zwei Stunden später hinzu. Wir haben gestern einen Sack dreckiger Wäsche zum Laundry Service gegeben und beobachtet, wie die beiden Mädels Anabell und Maribit, die bei Robbert's Cottages jobben, sich sogleich daran machten, sie in einem alten Ölfaß auf 'Hochglanz' zu bringen. Wir haben ihnen einfach vertraut, daß sie das schon zufriedenstellend erledigen werden. Aber als wir so beim Frühstücken sitzen und zu unserem Cottage schauen, sehen wir, wie sie unsere Wäsche auf eine gespannte Leine in den Regen hängen. 'Das kann doch nicht wahr sein' sagt Stefan, der genau wie ich aus Mangel an sauberen Klamotten in Unterhose hier sitzt. Aber in Asien ist eben nichts unmöglich.

Dieser Tag ist von höchster Langeweile gekennzeichnet. Wir sitzen am Cottage, wissen nicht, was wir noch machen können, öden uns an, es regnet und unsere Klamotten triefen. Ich habe mit Stefan ein Ruderboot am Strand geklaut und eine kleine Runde gedreht.

Abends sind wir wieder zur Villa Sabang Essen gegangen. Als wir dort saßen sind zwei deutsche Krankenschwestern dort eingelaufen: -schwäbisch sprechende, kein bischen attraktive, nervende, verwöhnte Eulen, die eindeutig hier an völlig falschen Ort sind ! So etwas nennt man Pechsträhne...

...Gute Nacht !

 

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Sonntag 11. 9.1994

Der Tag beginnt, wie der gestrige aufhörte. Es pisst ! Wir hocken auf der Terasse in mittlerweile penetrant stinkenden, klammen Klamotten. Unsere gewaschenen Sachen hängen noch immer im Regen. Die Stimmung ist auf den Nullpunkt und wir überlegen, wie wir aus dieser verregneten Gegend fliehen können. Stefan und ich haben mindesten 150 Moskitostiche.

Wir gehen wiedermal Schwimmen und treffen dort zu allem Übel die Schwaben-Schnallen. Ich explodiere innerlich, als Litzi aus noch ungeklärten Motiven, mit den Beiden ausmacht, morgen zusammen zum Underground River zu gehen. Furchtbar. Wir haben dann am Cottage eine Diskussion, ob wir ein Boot mieten, wie es die zwei Gruselfrauen vor haben, oder über den Monkey Trail dorthin laufen. Aber ich setze meinen Willen, letzteres zu tun, schließlich durch, ohne verhindern zu können, daß Litzi mit den beiden Tanten um 9 Uhr eine Verabredung organisiert. Man darf das nicht als Verklemmt- oder Reserviertheit von mir verstehen. Die zwei "Frauen" sind wirklich das Grauenvollste, was einem in einer einsammen, tropischen Urwaldgegend passieren kann. Sie repräsentieren alles, was mich in Deutschland zur Flucht veranlasst hat und was ich hier keinesfalls antreffen wollte. Sie gehören zur zweitrangigen Sorte Frauen, bei deren Anblick ich eine Gänsehaut bekomme.

Wir machen zusammengefaßt nichts heute, außer die Genehmigung für den Besuch des Underground Rivers zu besorgen.

Da unsere Laune immer übler wird, haben wir uns abends einige Flaschen Rum gekauft, den ‚Ghettoblaster‘ von Maribit (17) und Anabel (16) ausgeliehen und es uns vor der Hütte gemütlich gemacht. Die beiden Mädels sind zwar voll in der Pubertät, gackern wie blöde, antworten grundsätzlich mit "Ja, sir" und wenn man ihnen ein Glas mit Rum gibt, ziehen sie es auf Ex ab, aber sie sind mir trotzdem viel lieber als die Würgreiznymphen von nebenan, und wir laden sie ein. Nach 3 Flaschen Rum und etwas breit gehen wir um 22.00 Uhr ins 'Pantalaan', dem Nachbarlokal der Jeepneyfahrerkneipe, das dieser auch sehr gleicht (10 qm große Bambushütte mit 2 Holztischen und vier Bänken). Wir werden extrem nett begrüßt, und im Nu stehen uns fünf Sitzplätze in dem überfüllten Raum zur Verfügung. Anscheinend hat sich unser exzessives Gelage von vorgestern im ganzen Ort herumgesprochen. Mir fiel bereits gestern auf, daß mich sämtliche Sabanger hochachtungsvoll grüßten. Nach weiteren eins bis zwei Flaschen Rum bringt man mir auf Wunsch eine Gitarre und sofort beginnt die Hütte zu wackeln. Die Philippinos sind begeistert, spendieren uns das eine oder andere Glas, was wir selbstverständlich auch tun, und wir singen abwechselnd philippinische, deutsche und englische Songs. Das gesamte Dorf ist glaube ich in der Hütte versammelt und wir sind Sabangs Lieblinge. Wir bekommen etwas Tagalog beigebracht, Litzi flirtet mit "Lady", Bört liegt wieder voll auf dem Tisch, und Maribit und Anabell schauen uns an, als wären wir 'Take That'. In erstaunlich gutem Zustand bewegen wir uns schließlich zurück zum Cottage.

 

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Montag 12. 9.1994

Durch das Rumsaufen haben wir natürlich verpennt. Um 8.58 Uhr sehen wir die beiden Schwabenkühe am Strand loslaufen, obwohl wir um 9.00 Uhr mit ihnen verabredet waren. Sie dachten wohl, wir kämen nicht mehr. Deutsche Tugend! Erleichtert geben wir uns einem guten Frühstück hin und laufen danach los, Richtung Dschungel. Das Tollste aber ist: die Sonne scheint und es ist ein wunderschöner Tag.

Der Monkey Trail ist ein traumhafter Pfad durch den Urwald. Wir gehen zuerst steil bergauf, vorbei an einer dichten Pflanzenvielfalt, einfach Natur -hautnah. Dann geht es wieder bergab, über Indiana Jones Holzbrücken, bis wir um etwa 12.00 Uhr an einem Ranger Camp ankommen. Um 13.00 Uhr können wir Underground River besichtigen, und wir überbrücken die Zeit mit Strandaktivitäten an einem einsammen Traumstrand nahe des Camps. Der Rastplatz an der Station war wie ein Ausflug in einen riesigen Palmengarten, unzählige Affen, gigantische Bäume, und im Gebüsch am Rande schlichen etwa zwei Meter (!!!) lange Leguane herum. Der Underground River war erwartungsgemäß beeindruckend, wenn auch nicht so spektakulär wie andere bereits gesehene Naturschauspiele. Auf jeden Fall habe ich massenweise Fledermäuse gesehen (und gerochen). Wir wurden in einem kleinen Boot zusammen mit einem kanadische Pärchen, das auch in den Robbert's Cottages gastiert, durch dieses riesengroße Höhlensystem gerudert. Stefan, der körperlich wohl durch den anstrengenden Marsch sehr gebeutelt war, pennte sofort ein und wachte erst am Ende wieder auf.

Wir teilten uns dann mit dem Pärchen (Chriss und Marlène) ein Boot, einen Rückmarsch durch den Dschungel hätten wir wohl nicht überlebt, und fuhren zurück nach Sabang.

Dort gingen wir erst einmal mit Chriss und Marlène bei Robert etwas trinken. Dort erzählten uns die Beiden von einer Insel, auf der sie vor Palawan waren , wo das Essen prächtig, das Wetter gut, die Strände phantastisch und die Preise billig sind, und unser nächstes Reiseziel stand fest:

{ BORACAY {

( Endlich weg von Nässe und Moskitos.)

Nach dem Abendessen sind wir gezwungenermaßen wieder ins 'Pantalaan' gegangen, da wir versprochen hatten, noch ein kleines Konzert zu geben. Natürlich standen wir wieder im Mittelpunkt und mußten unsere Müdigkeit verbergen, um die begeisterten Philippinos nicht zu enttäuschen. Um etwa 21.30 sind wir zum Cottage gegangen, haben dort Musik gehört und schon wieder Rum getrunken, da dies ja unsere letzte Nacht hier ist. Wir saßen da, zum ersten Mal seit Tagen wieder unter Sternenhimmel und erzählten uns eine Geschichte nach der anderen. Als um 10 Uhr der Generator abgestellt wurde, und keine Musik mehr da war, ziehen Stefan und ich los, und es gelingt uns, den alten Robert zu überreden, seinen Generator noch etwas anzulassen und uns noch zwei kleine Flaschen Rum zu verkaufen (Ich trinke zuhause fast nie, aber hier paßt es einfach zur gesamten Atmosphäre und schlägt auch nicht so schnell an.) Außerdem haben wir ihn gebeten, uns morgen um 6.00 Uhr zu wecken, was in Anbetracht der Tatsache, daß die romantische Bambushüttenatmosphäre mit Meeresblick noch bis zwei Uhr andauerte, auch von Nöten sein wird.

 

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Dienstag 13. 9.1994

Als ich aufwache ist es bereits 6.15 Uhr und die "Hello Mister, wake up" Rufe des Alten klingen schon reichlich verzweifelt. Bis wir endlich auf Touren kommen ist es schon fast 7.00 Uhr und der Jeepney wird gleich abfahren. Stefan und ich machen noch den Final Check um das Cottage, während Litzi zum Jeepney-Halt sprintet und diesen aufhält. Als wir ankommen ist das Gefährt bereits voll und Stefan und ich springen aufs Dach, wo wir zwischen Reissäcken, Bambusstauden und Benzinkanistern Chriss und Marlène wiedertreffen. Die Fahrt ist optisch einmalig, körperlich jedoch sehr aufzehrend, da wir die ganze Zeit auf einer schmalen Metallstange sitzen, und die Jeepneybelegung ständig zunimmt. Als dann bei einer Polizeikontrolle das Sitzen auf dem Dach untersagt wird, muß ich 45 Minuten in abfahrtslaufmäßiger Eiform-Hocke in dem schmalen, überfüllten Jeepneygang verbringen und sterbe dabei fast.

Wir kommen in Puerto Princesa an und nehmen uns ein Zimmer im Garcellano Tourist Inn, nachdem wir von allen empfohlenen Adressen mit dem Hinweis 'No Vacancy' abgewiesen wurden. Das Hotel ist eine dreckige, teure Absteige mit aufdringlichem Puffcharakter ohne auch nur eine Dusche im gesamten Komplex. Auf meine Frage, wie sie sich denn morgens wasche, antwortete die aufgedonnerte Rezeptionsdame, daß sie einen Eimer Wasser nimmt und ihn sich über den Kopf schüttet. "Wash and Go !"

Wir waren sehr müde, aber Litzi und ich rafften uns auf und zogen ein wenig durch die Stadt, wobei wir an einem Straßenstrand einen Schneider trafen, der für 140 P. Levi's Jeans schneidert. Wir holten also Stefan ab, besorgten uns in einem Kaufhaus (NCCC) den nötigen Stoff und ein paar andere Kleinigkeiten und fuhren zurück zum Schneider, um die Hosen in Auftag zu geben und Maß nehmen zu lassen.

Anschließend besorgen wir uns am Flughafen erstaunlich problemlos die Flugtickets für morgen nach Iloilo, die wir mit meiner Kreditkarte bezahlen konnten. Von dort fuhren wir gleich weiter zu einem Barbier, der seine Rassierkünste an uns erprobte und mir das Gefühl gab, er ziehe mir die gesamte Haut vom Schädel. Trotz der Schmerzen muß ich zugeben, daß dies die gründlichste Rassur seit dem Einsetzen von Bartwuchst in meinem Gesicht war. Frisch und gut riechend gingen wir danach erwartungsvoll in ein chinesisches Video-Disco-Restaurant. Obwohl die Inneneinrichtung mehr an die Mensa, als an ein Chinarestaurant erinnerte, war das Essen absolute Spitzenklasse und ich sah Litzi zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig zufrieden.

Zu allem Glück kam noch, daß es uns auf dem Heimweg gelang, einem Trycicle Fahrer etwas Rum abzukaufen und somit die Entspannung perfekt war. Stefan gab gleich die Löffel ab und Litzi und ich zogen noch einmal los, in ein Musikcafè (Dang Bang), wo drei Bands gute Covermusik boten. Um etwa 2.00 Uhr wankten wir fröhlich nach Hause und spielten noch etwas 'Kambodscha'

 

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Mittwoch 14. 9.1994

Wir schlafen bis 11 Uhr, checken aus der Stinkbude aus, gehen Essen und Geldwechseln, was sich wiedermal zu einer zeitraubenden Angelegenheit entwickelt, stellen fest, daß Telefonieren nach Deutschland wegen der maßlosen Planlosigkeit der in diesem 'Gewerbe' tätigen Puerto Princesaner ausgeschlossen ist, holen unsere Hosen ab und gehen zum Flughafen. Nach 2 Std. Verspätung saßen wir dann in der Boing 737 der Philippine Airlines, hatten einen angenehmen, 50 minütigen Flug und landeten am frühen Abend in Iloilo, wo uns ein Taxi zum Family Pension House bringt. Es war eines der wenigen sympathisch Hotels der Stadt, zumindest laut unserem Reiseführer. Ich lese in der gleichen Lektüre, daß heute Nacht um 3 Uhr ein Bus zur Küste vor Boracay abfahren soll, und wir wollen, falls das denn wirklich so ist, diesen gleich nehmen.

Das Hotel ist ausgezeichnet. Auch wenn es mit 300 P. pro Nacht über unserem Schnitt liegt, gönnen wir uns ein schönes Zimmer, in dem wir bis 2 Uhr noch ein Nickerchen machen wollen, ehe uns der bestellte Wake - Up - Service akustisch masakrieren wird, denn die Information mit dem 3 Uhr Bus hat sich bestätigt. Vorher gehen wir noch im zum Hotel gehörigen Baumhaus - Restaurant zu Abend essen. Das appetitlich in einer 'brutzelnden' Pfanne servierte, delikate Hecht Steak mit gebackener Kartoffel und Gemüse läßt unsere Herzen (und vor allem das von Litzi) leuchten. Und preiswert wars dazu. Mit gefülltem Magen und (durch den Nachtisch) vollen Lungen legen wir uns dann aufs Ohr ...

 

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Donnerstag 15. 9.1994

Die Nacht war wirklich kurz. Pünktlich um 2.00 Uhr klopft ein Hotelangestelter, der wohl extra wegen uns mitten in der Nacht aufgestanden ist sanft gegen unsere Tür und haucht ängstlich die Worte 'Wake Up Call. Good Morning, Sir'. Ich schätze, daß so ca. beim 5. Klopfen der erste wach geworden ist, und den armen Kerl im Halbschlaf röhrend, mehr oder weniger freundlich aufgefordert hat sich sofort zu verflüchtigen, bevor er mit dem Bòlò bearbeitet würde.

Auf jeden Fall sind wir alle noch einmal eingeschlafen und um 2.30 stellten wir fest, daß wir noch genau 30 Minuten für Anziehen, Zusammenpacken, Taxi suchen und die Fahrt zur Bushaltestelle haben. Es brach der 'Live or Die' - Streß aus, es wurde geflucht, gemockert, geschimpft und geschwitzt, und - mit Erfolg. Um Punkt 3 Uhr steigt das Chaostrio in einen halb gefüllten Bus ein mit dem Traumziel Boracay. Wir sind dem Paradies verdammt nahe, sagen wir uns, als wir unsere Sitzplatzlager im hinteren Teil des Busses errichtet hatten. Um genau zu sein dauert die Fahrt etwa 4½ Stunden, wobei man anstelle von 'Fahrt' eher von einem Ritt über den Holperhighway mit garantierter Wirbelsäulenverkrümmung reden kann. Aber unsere Freude auf Boracay läßt Schmerzen vergessen, und so kommen wir um 7.30 Uhr in Catticlan an, von wo aus wir ein Auslegerboot für 15 P. nach Boracay chartern. Alles läuft wie am Schnürchen, auch wenn die Tryciclefahrer an der Anlegestelle von Boracay verbrecherische Preise verlangen, um uns zum White Sands Beach zu fahren. Aber die sind eben durch die reichen Touris aus der Hochsaison, denen es halt nicht auf 30 P. mehr oder weniger ankommt so verwöhnt, daß selbst unser genialer Feilschgeist auf der Strecke bleibt. Wir trinken also 'erstmal' nahe der Trycicle - Station ein Tässchen Kaffee, um in Ruhe zu überlegen, ob man ein solches Verhalten unterstützen soll, aber in Anbetracht der Tatsache, daß es zum White Sands etwa 5 km sind, nehmen wir doch ein Trycicle und es gelingt uns in einer heftigen Preisdebatte, die sich am Rande von Mord und Totschlag bewegte, den Preis noch auf ein akzeptables Maß zu drücken. Dafür wollte uns der Knabe ungefähr auf halber Strecke mit den Worten 'White Sands - You walk this way' (wobei er in Richtung eines kleinen Pfades deutete) zum Aussteigen bewegen, aber da wir nicht zum ersten Mal mit solchen Typen zu tun haben beginnen wir sofort ihn brüllend zu beschimpfen und er rattert eingeschüchtert mit neuem Geschwindigkeitsrekord zu unserem Ziel, und bringt uns sogar noch durch eine Hüttensiedlung zu den Sunshine Cottages, die uns von Chriss und Marlène empfohlen wurden. Wir mieten ein schönes Cottage mit drei Betten für 150 P. Während Stefan unsere Toilette, deren Tür direkt neben dem Kopfende des Bettes ist, einweiht, machen Litzi und ich einen Rundgang auf der Insel. Sie ist wunderschön, aber man merkt, daß hier zur Zeit totale Nebensaison ist, denn überall sind Bauarbeiten im Gange - nicht etwa zur Errichtung weiträumiger Betonkonstruktionen, sondern gemütlicher, kleiner Holzbauten mit tropischen Vorgärten. Überhaupt ist die Insel zwar reich an Restaurants, Surfschulen und kleinen Souvenirläden, aber alles ist so überlegt in die Natur eingefügt, daß man vom Meer aus das Gefühl hat, die Insel sei unbewohnt. Der Strand hat durch heruntergefallene Kokosnüsse und Palmenholz noch nicht die Postkartenoptik der Hochsaison, aber die Arbeiter sind gerade dabei, diesen zu ‚fegen‘ und selbige herzustellen.

Nach unserem Rundgang gehen wir sofort zu Ati Atihan's Restaurant, um die empfohlene Spaghetti Carbonara und die angeblich legendären Banana - Mango Milk Shakes zu probieren. Und tatsächlich war dieser Tip ein Volltreffer, denn der Milk Shake war gigantisch und die Nudeln einzigartig. Unser Grinsen im Gesicht wird dann von dem aufkommenden Regen etwas ernüchtert (FUCK YOU!!!). Da dies die Möglichkeit weiterer Aktionen stark einschränkte und wir ohnehin sehr müde von der Reise waren, entschlossen wir uns zu einem kleinen Mittagsschläfchen. Da ich beim Asse-Ziehen verloren hatte und das einzige Bett ohnen Moskitonetz beziehen mußte, wurde ich bereits um 17.30 Uhr durch die Mitgliedsversammlung des Moskito Vereins Boracay (MVB e.V.), die offenbar um mein Gesicht herum einberufen wurde, geweckt. Also duschte ich mich, was ohnehin überfällig war und machte mich erträglich für den Abend - ich zog mein neues Hemd an!

Stefan, der durch mein Gekrame ebenfalls aufwachte machte sich auch fertig und wir gingen zu einem Busch-Supermarkt, um etwas Instant-Kaffee, Instant-Milch und Rohrzucker zu kaufen, denn die 'Cottage Mama' will uns jeden Morgen eine Kanne heißes Wasser vor die Hütte stellen. Im Laden wurden wir von einer übertrieben aufgemotzten Philippina angelabert, mit den Worten ' Ja servus, woas giabts ?' Naiv ließen wir uns zu einem Small Talk bewegen, der ihr anscheinend den Anlaß gab uns nach dem Einkauf zu unserem Cottage zu folgen. Mein Gott dachte ich, laß die Alte ruhig labern und machte mir keine Gedanken. Wir stifteten sie an, Litzi zu wecken, der das allerdings überhaupt nicht witzig fand. Nach einer halben Stunde überkam mich die Befürchtung, daß sie gar nicht mehr aufhört, uns halb deutsch, halb englisch die Birne vollzuquatschen. Sie hatte wohl mal irgendeinen Fettsack nach Deutschland begleitet, und das große Glück erwartet, doch der ließ sie mit ihrer Tochter sitzen und so versucht sie wahrscheinlich, sich finanziell mittels Männerbekanntschaften hier in Boracay durchzuschlagen. Und da eben zur Zeit Touristenmangel herrscht, muß sie eben penetranter sein- und Litzi wurde langsam knatschig! "Ihr habt hier die Dorfnutte angeschleppt, nun seht auch zu, wie ihr sie wieder wegbekommt" flüsterte er mir ins Ohr, als wir uns auf den Weg zum Abendessen machten, und sie uns folgte wie ein räudiger Hund seiner Dame. Ich hätte sie ja problemlos wegschicken können, aber durch ihre Freundlichkeit machte sie es uns nicht leicht. Die merkt schon, daß bei uns nichts zu verdienen ist, dachte ich mir und wir gingen essen. Als es ums Bezahlen ging zückte Litzi die Gemeinschaftskasse, und übernahm zu meinem Entsetzen die Rechnung der Uneingeladenen. Dafür kochte er auf dem Heimweg und ermahnte uns energischst, die Alte wieder loszuwerden. Schließlich versuchten wir auf unserer Terasse so langweilig zu sein wie möglich mit dem Ziel, daß sie von alleinen ging. Dies gelang uns dann auch. Allerdings war die Folge des trägen Herumhängens, daß Litzi und Stefan wirklich müde wurden und sich zu meinem Entsetzen plötzlich wortlos schlafen legten. Ich blieb mit heruntergeklapptem Unterkiefer unternehmungslustig auf der Terrasse zurück. Also ging ich depremierterweise auch ins Bett!

 

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Freitag 16.09.1994

Horror - Paranoia Nacht. Da mein Bett kein Moskitonetz hat, wache ich durch einen Moskitoattack auf. Eine Mücke fand es scheinbar besonders anregend, mir direkt in die Lippe zu stechen, was zur Folge hat, daß ich im Dunkeln wie ein Irrer mein tief im Rucksack verpacktes Moskitonetz provisorisch installierte. Und als ich dann ins Bad ging, um meine anschwellende Unterlippe zu begutachten, und das Licht anknipste, starrten mich die funkelnden Augen einer kinderkopfgroßen 'Hausspinne' an, und ich entschloß mich, einem Herzinfarkt nahe, zum Rückzug. Als mir schließlich beim Ergreifen meiner Bettdecke ein Riesenkäfer grinsend auf der Hand hockte, klappte ich unter dem schlafgestörten, geistesabwesenden Geknurre von Stefan und Litzi zusammen und fiel in Schlaf, in dem mich ein gräßlicher Alptraum erwartete.

Als ich aufwachte lag ich schweißnaß im "Bett". Ich stolperte zur Dusche, und bemerkte, daß meine Lippe auf Aprikosengröße angeschwollen war.

Ich war gerade fertig mit Duschen, als die Dorfhure mit gebrochenem bayerisch von draußen hineinblökte, daß der Kaffee fertig sei. Nachdem Litzi und Stefan ebenfalls fertig geduscht waren, machten wir ihr stilvoll klar, daß ihre Gegenwart uns nicht besonders erfreut. Ich hoffe, sie hat das kappiert.

Wir verbrachten den Tag mit kleinen Besorgungen und nutzten die wenigen sonnigen Minuten zum Sonnenbad. Abends aßen wir in einem noblen Restaurant zu Abend: 'Paella und Sangria - All You Can Eat !' für 'schlappe' 95 Pisos.

Mehrere Kilo schwerer und rotzbetrunken gingen wir anschließend, begleitet durch das vorsichtig geflüsterte "Come Again" des Obers, zur Verdauung an den Strand.

Hier trafen wir ein paar Philippinos unseres Alters, die mit Gitarre und Rum am Strand spazierten. Darauf folgte eine nette Beatles Session und beim Gespräch zeigte sich wiedermal: Wo musiziert wird, sind alle Menschen gleich. Wir liehen uns die Gitarre aus und verabredeten uns in der 'Beach Disco'. Nach Stefans Depri - Anfall am Cottage zogen wir trinklustig und erwartungsvoll los. Die Disco war ziemlich voll und es wurde in Open Air Athmosphäre gute, gemischte Musik gespielt. Als wir jedoch erfuhren, daß sämtliche der hübschen weiblichen Philippinas mehr oder weniger dem leichten Gewerbe angehören, bleibt uns nur noch der Griff zur Bierflasche. Auch die 40 - 50 jährigen bierbäuchigen und die 20 - 30 jährigen pickligen brillentragenden Europäer (oder was weiß ich) tragen zur Frustration bei. Die fühlten sich nämlich in diesem Umfeld wie herzensbrechende Cassanovas und ihre Blicke brachten mich beinahe zum Erbrechen. Schließlich hatte ich mich mit Stefan lustig getrunken und wir machten unsere Erhabenheit dieser Situation gegenüber zu unserer Tugend. Wir sprangen auf die Tanzfläche und feuerten unser bisher unentdecktes Tanzfeuerwerk ab. Wir tanzten uns wahrhaftig den Teufel aus dem Laib. Auch als es zu regnen begann und alle fluchtartig die Bühne verließen, unterbrachen wir zielsicher unsere Zigarettenpause und legten eine heftige Solonummer im strömenden Regen hin. Nach einiger Zeit folgten uns die lässigeren Discogäste und es war uns gelungen die Athmosphäre dieser Veranstaltung komplett umzukrempeln von einer schmierigen Spießerdisco zum hippieartigen Freak Out.

Litzi, der inzwischen weiter dem Bier fröhnte und sternhagelvoll war wurde von einer blonden Nürnbergerin, die mit ihrem unattraktiven Freund hier war, angequatscht und schaffte es gerade noch, zur morgigen Verabredung, bevor er uns ein Zeichen gab und zum Cottage taumelte. Dies taten wir dann zum Barschluß um 3.30 Uhr auch, nachdem ich Stefan davon überzeugt hatte, daß die zwei etwas zerbrechlich anmutenden Engländerinnen, die sich eingefunden hatten sicher nicht auf zwei tropfnasse betrunkene Hippies stehen.

In der Nacht war Stefans lustvolle, durch heiße Träume von Engländerinnen ausgelösten Annäherungsversuche, sowie sein Ben Johnson-artiger Antritt zum 100 m Sprint, bei dem er das Moskitonetz aus der Verankerung riß, das einzig Bemerkenswerte.

Übrigens hat meine Lippenschwellung im Laufe des Tages wieder erheblich abgenommen, und mir mein Selbstwertgefühl zurückgegeben.

 

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Samstag 17.09.1994

Mit leichtem Kater wache ich wieder als erster auf, dusche und mache Instant - Kaffee aus dem bereitgestellten heißen Wasser. Auf dem Weg zum Strand überrascht uns ein heftiger Taifunregen und wir sind wiedermal klatschnaß. Aber daran haben wir uns ja bereits gewöhnt. Wir verbringen den gesamten Tag mit Lesen, da das schlechte Wetter nichts anderes zuläßt. Später gingen wir noch telefonieren und auf dem Weg haben wir uns einen Volleyball erfeilscht, da Fußbälle auf den Philippinen scheinbar intergallaktische Objekte sind. Mit Litzi testete ich ihn bei einem Mann gegen Mann Match am Strand auf seine Eignung, bevor wir im Gewitterregen Baden gingen. Abends aßen wir Calamares und Steaks, lernten drei nette Amis kennen, die jedoch morgen abreisen. Schließlich ging ich mit Stefan noch zur wegen des Regens fast leeren Disco. Wir diskutierten über Gott und die Welt, während sich Litzi einer Grusellektüre hingab. Um 2.00 war dann dieser verregnete Tag für uns beendet.

 

Sonntag 18.09.1994>

Nach dem Frühstück gingen wir wiedermal zum Telefon - Shop, da Litzi bisher nicht durchkam. Unterwegs entschlossen wir uns, das Cottage zu wechseln. Unser Altes hatte nämlich eine nicht funktionierende Klospülung und die bis zum Rand 'vollgeschissene' Toilette machte ein Weiterleben im Cottage unmöglich. Packen - Check Out und ab von den Sunshine zu den Sunset Cottages. Da auch dieser Tag wieder verregnet war, machten wir außer einem Sprung ins Meer und einem Fußballspiel zwischen Stefan und mir nicht mehr viel. Abends gingen wir zur Guitar Bar, wo es für 100 Pisos ein gigantisches Seafood Buffet mit mehreren Muschelsorten, Shrimps, Fisch in diversen Saucen etc. bis zum Abwinken gab. Trotz des Völlegefühls zieht es Stefan und mich nach einem kleinen Verdauungsnickerchen wieder in die Disco. Da es nicht mehr regnete, war sie recht voll. Wir vertrieben uns die Zeit mit der intensiven Studie des sich hier abspielenden Films, da ich noch heftige Wadenkrämpfe von der letzten Dance - Aktion hatte. Es widert mich wahrlich an, den einheimischen leichten Mädels zuzusehen, wie sie europäische, amerikanische oder australische Vollidioten anmachen, und diese scheinbar das Gefühl einer erregenden Strandromanze genossen. Auf den Versuch, auch unsere Lüste zu gewinnen reagierten wir grob ignorant, auch wenn ich ein solches Verhalten eigentlich nicht schätze. Ich versuche meinen Frust über die gekünstelte Atmosphäre zu unterdrücken, und sage mir 'das ist hier eben so!' Nach einigen Bieren machen wir uns auf den Heimweg und hoffen auf gutes Wetter am kommenden Tag.

 

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Montag 19.09.1994

Stefans Worte "Die Sonne scheint" dringen in mein schlafendes Bewußtsein vor, und es dauert keine 2 Minuten, da stehe ich in Badehose und Sonnenbrille vor dem Cottage. Es ist kaum zu Glauben, aber sie scheint tatsächlich. Wir trinken noch zügig ein Tässchen Kaffee und gehen zum Strand. Es ist teilweise bewölkt, aber die Sonne findet immer einen Weg hindurch, und selbst hinter den Wolken brennt sie noch genug. Als Stefan und Litzi sich einem Rahmschnitzel mit Pommes hingeben, gehe ich zum Cottage und entdecke, daß an den Rändern meiner Badehose ein deutlicher Farbwechsel stattgefunden hat. Ich crème mich ein und mache am Strand ein paar Photos. Dannach gehen wir telefonieren, um die Schiffsverbindungen nach Manila bzw. Legaspi zu erkunden. Die mehr oder weniger eisern erzwungenen Infos sind wie wir später merken, völlig für den Arsch. Wir laufen etwas am Strand und ich merke daß die Sonne kräftig am Braten ist (Mitlerweile ist der Himmel fast wolkenlos). Abends bemerke ich, daß das Sonnenbad wohl zu eifrig wart, denn mein Gesicht brennt wie Feuer. Ich gehe zum Cottage, um Brandsalbe auf die nässende Haut zu schmieren. Ich fühle mich beschissen und gehe früh ins Bett. Stefan und Litzi machen sich noch auf Disco Tour und wecken mich noch zweimal in dieser Nacht, in der ich froh war, überhaupt eingeschlafen zu sein, um mich zum Aufstehen und feiern zu bewegen, bzw. mir ihre Discoerlebnisse mitzuteilen. Ich fühle mich, als hätte ich 50° C Fieber, Lepra und sonst was. Dabei hatte der Tag so schön begonnen. FUCK !

 

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Dienstag 20.09.1994

Ich wache auf und sehe im Spiegel, daß mein Gesicht völlig aufgeschwollen und mit Bläschen übersäht ist. Ich fühle mich wie ein Gruselmonster und crème mich wieder ein - ob das hilft? Meine Stimmung ist am Boden und ich habe größte Lust sofort abzureisen, als Stefan und Litzi außer einigen dummen Sprüchen wie "setz dich doch ein paar Stunden vor den Ventilator", die von völliger freundschaftlicher Trotteligkeit zeugten, nichts zu sagen haben und fröhlich zum Strand marschieren. Aber es wäre jetzt glaube ich nicht richtig, sich nach all der gemeinsammen Zeit zu trennen. Aber da ich alleine auf der Terasse unseres Cottages sitze, schießen mir allerlei Gedanken durch den Kopf, die wohl viel zu sehr von meiner extremen Depression geleitet werden. Heute ist der absolute Tiefpunkt der bisherigen Reise erreicht und ich fühle mich einfach nur scheiße- und es scheint die Sonne - na toll!

Als die Beiden spät nachmittags zurückkommen, gehen wir los, um etwas Rum zu kaufen. Nach 2 Stunden Warten haben wir sogar etwas bekommen. Also machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich. Nach zwei Drinks gehen wir Essen. Da wir recht müde sind, beschließen wir den Rest aufzuheben und schlafen dann säuselnd ein. Morgen wollen wir abreisen: Nach Caticlan, Kalibo, Iloilo, Manila und Legaspi, um dort den Mayon Vulkano zu besteigen. Zeitlich wissen wir, daß es sehr knapp wird, und daß wir den 2 tägigen Treck nur dann packen, wenn die Anreise mit Jeepney, Bussen und Schiff problemlos verläuft, und alle erkundeten Abfahrtszeiten tatsächlich stimmen - und das ist ein risikoreiches Vertrauen, denn Asien ist eben nicht Europa. Außerdem hörten wir, daß der Vulkan zur Zeit aktiv sei und ein Aufstieg nicht genehmigt wird. Aber wir lassen uns nicht abschrecken. Mayon - Go!

 

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Mittwoch 21.09.1994

Um 6.30 Uhr stehen wir auf, duschen, Check-Out und los gehts, im Wettlauf gegen die Zeit. Meine Verbrennungen sind auf dem Weg der Besserung. Wir nehmen ein Trycicle zum Boracay-Ableger, dann ein kleines Motorboot bis Caticlan, einen Jeepney bis Kalibo und einen außergewöhnlich schäbigen Klapperbus bis Iloilo (0,5 h / 0,5 h / 1,5 h / 4 h ).

Alles klappt wie am Schnürchen. Erst in Iloilo wird unsere Euphorie gebremst, denn das im Reiseführer angekündigte Schiff, das um 18.00 nach Manila ablegen soll, existiert nicht mehr. Uns bleibt nur die Möglichkeit, eine weitere Nacht in Iloilo zu bleiben. Zunächst dachten wir schon das wars, aber als wir in einer Kneipe den Zeitplan neu überdenken, stellen wir fest, daß alles zwar noch enger geworden ist, aber daß wir es packen können, denn das Schiff, das morgen nach Manila ablegt, benötigt nur 21 Stunden, nicht 29 wie das, das wir heute nehmen wollten - und es legt um 10.00 Uhr morgen früh ab. Wir verlieren also einerseits 16 Stunden durch den Schiffsausfall, gewinnen aber 8 Stunden durch die schnellere Reisezeit - und wir können uns noch die Stadt Iloilo ansehen.

Wir beziehen wieder im Family Pension House Quartier. Stefen hat Probleme mit seinen Nasenschleimhäuten und fühlt sich nicht besonders gut, und so ziehe ich mit Litzi nach kurzer Ruhepause los durch die wenig sympathische Stadt Iloilo. Dauernd schreien uns Halbwüchsige "Hey Joe" hinterher, was ja ganz nett gemeint sein kann, aber auf Dauer unwahrscheinlich streßt. Später erfahren wir, daß dieser Ruf noch aus der Zeit amerikanischer Besetzung stammt, als man mit dem Namen Joe allgemein 'den Amerikaner' assoziierte. Ich glaube ich sehne mich zum ersten Mal in meinem Leben nach Anonymität, denn hier hat man ständig das Gefühl, ein ruhmreicher Rockstar oder ein sechsbeiniger Marsmensch zu sein.

Wir ziehen durch einige ziemlich feine Shopping Center, finden jedoch nichts, daß unsere Geldbörsen erleichtern könnte. Als wir abends zurück zur Pension kommen, steht Stefan schon frisch und ausgeruht bereit zum Aufmarsch, und trotz Müdigkeit stehen wir seinem Eifer nicht im Wege und ziehen wieder los - zu einem vom Reiseführer empfohlenen Biergarten, nicht weit vom Hotel. Wir finden dann auch ein sehr nettes Gartenrestaurant, Gott weiß, ob es das war, das wir suchten, in dem eine Band die üblichen Rockballaden spielt, und gestalten den Abend mit philippinischen Speisen und reichlich Bier. Schließlich taumeln wir zufrieden nach Hause, um morgen um 10.00 Uhr das Schiff der Negros Navigation Lines zu bekommen. Bedingung für die Einhaltung unseres extrem knapp gerechneten Zeitplans und das rechtzeitige Eintreffen in Legaspi ist, daß wir übermorgen früh in Manila gleich einen Bus dorthin bekommen. Mein Anruf bei der Busgesellschaft in Manila ergab, daß ein Bus um 8.00 Uhr fährt, der Nächste erst um 16.30 Uhr. Da das Schiff laut Plan (und das wäre Glücksache!?) um 7.00 Uhr ankommt, und es eine ganze Ecke vom Hafen zum Busterminal ist, bleibt uns nur ein frommes Gebet und die Hoffnung, daß uns die Götter beistehen. Aber unsere angeheiterte Stimmung und die Freude auf den Mayon, lassen uns das hohe Risiko unseres Zeitplans ziemlich ignorieren.

 

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Donnerstag 22.09.1994

7.30 Aufstehen, Wasser über den verkaterten Kopf, und ab gehts zum Hafen von Iloilo. Um 9.00 Uhr sind wir auf dem Passagierdampfer Sta. Ana und machen es uns in einem kleinen Schlafraum mit Fernseher und Non-Stop Videounterhaltung gemütlich. Auch die paar ins Alter gekommenen philippinischen Störenfriede, die sich nicht genierten, von rechts hinten nach links vorne mit sich überschlagenden Stimmen scheinbar brandheiße Neuigkeiten durch den 'Ruheraum' zu gröhlen, wurden schnell zur Ruhe gebracht.

Die Schiffahrt verläuft angenehm und ich finde genügend Schlaf. Einziges Problem ist die Versorgung, denn die an Bord angebotene 'Speise' ist nicht identifizierbar und erinnerte mich an die Kerkernahrung alter Seeräuberfilme. Also bleibt nur der Griff zum mittlerweile bereits beim Anblick einen Kotzreiz auslösenden Hamburger im gezuckerten Brötchen (!), dazu Schokoriegel und Chips. Auch Litzis und Stefans später ergatterte "Hot Dogs" machen den Eindruck, als könnten sie meinen Magenzustand nur verschlechtern.

Aber der 'erstklassige' Video-Streifen "Slaughter Of The Innocents", der hier im Kinderprogramm läuft, läßt vieles vergessen und gibt mir die Möglichkeit, mich unbemerkt dem Abpellen der verkrusteten, trockenen Hautfetzen in meinem Gesicht zu widmen.

Noch eine Cl² - Sprite und gute Nacht.

 

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Freitag 23.09.1994

Insgesamt habe ich diese Nacht gut geschlafen. Um 5.00 Uhr wache ich auf, und Stefan, der bereits wach war, teilt mir mit, daß Manila schon in Sichtweite sei. YEAH!! Wir sind pünktlicher als erwartet, was die fast nicht mehr für möglich gehaltene Chance, den 8.00 Uhr Bus nach Legaspi zu bekommen, doch erheblich vergrößert.

Um 6.00 Uhr legen wir an und müssen dann, gezwungen durch die Wucher-Preise der zum Kartell vereinten Hafentaxis, das Hafengebiet zu Fuß verlassen. Nach ein paar hundert Metern halten wir ein nicht verbrecherisch veranlagtes Taxi an und fahren nach Passay City (südlicher Vorort von Manila) zum Busterminal der 'Philtranco Buscompany'. Dort erfahren wir, daß der nächste Bus nach Legaspi um 9.30 abfährt. (Warum habe ich mir eigentlich die Mühe gemacht, von Iloilo aus hier anzurufen, wenn die Information scheinbar völlig aus der Luft gegriffen war. Aber das sind halt die Dinge, bei denen man in Asien wirklich cool bleiben muß, denn die in unseren Augen natürliche Verärgerung kann hier sowieso keiner nachvollziehen! )

Aber die Hauptsache ist, wir haben einen Vormittagsbus und kommen heute noch in Legaspi an. Außerdem ermöglicht uns die unfreiwillige Wartepause, noch ein kleines Frühstück zu uns zu nehmen (Hamburger - mangels Zeit und Angebot !).

Die Fahrt soll 12 Stunden benötigen, aber irgendwie erhöht sich die Zeit dann auf 15 Stunden, und trotz halbleerem Bus ist sie sehr anstrengend. Bereits nach drei bis vier Stunden haben wir begonnen, die noch verbleibenden Stunden zu zählen, was sich während der restlichen Fahrt zum reinsten Psychoterror entwickelte. Aber der Gedanke an den "Schönen", wie der Mayon übersetzt heißt, macht die Tortur erträglich. Wir erreichen Legaspi um 0.30 Uhr und sind komischerweise die Einzigen, die hier aussteigen - der Bus fährt wohl noch weiter. Die Gegend, in der uns der Fahrer absetzt, ist sehr dunkel und macht einen zwielichtigen Eindruck. Einige Gestalten, unter ihnen ein Trycicle Fahrer begeben sich natürlich augenblicklich grinsend um uns herum und beginnen überflüssige Fragen zu stellen. Aber mit der Sicherheit unseres ziehbereiten Bòlòs lassen wir uns von solchen Typen schon gar nicht einschüchtern. Da es aber die einzigen Menschen in dieser Gegend sind und wir absolut keine Orientierungsgrundlage haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit ihnen einen Komunikationsversuch zu starten. Schließlich sitzen wir nach einer zufriedenstellenden Preisdiskussion im Trycicle und fahren zu Catalina's Boarding House. Nachdem wir einen unheimlichen und stockfinsteren Gang bis zur Fronttür durchqueren mußten und Stefan, weil ihm dort ein Riesenkäfer besprungen hat, mit furchtbaren Angstschrei ganz Legaspi aufgeweckt hatte, teilte uns die freundliche Besitzerin mit, daß heute Nacht alle Zimmer belegt seien, und wir reservierten zwei der wirklich preiswerten Räume für morgen. Wir klapperten mit Hilfe der spärlichen Karte unseres Reiseführers noch ein paar weitere Hotels ab, was jedoch nicht zum Erfolg führte. In einem Hotel, ich glaube der Name war China Lodge, war die Rezeption nicht besetzt, und als wir in gewohnter Manier uns auf die Suche nach einer verantwortlichen Person machen, treffen wir auf einen sturzbesoffenen, kurz vor der Ohnmacht stehenden Mann, der uns auf unsere Frage, ob er denn noch ein Zimmer frei hätte, mittels Handgebärde signalisierte, wir sollen uns doch vor dem Tresen auf den Boden legen, was wir aber dankend ablehnten. Außerdem sagten die sich auf der Preistafel befindlichen Angebote für stundenweise Zimmervermietung bereits einiges über den Charakter dieser Herberge aus.

Die letzte Hoffnung war das Xandra Hotel. Dort saßen einige, sich im biertrunkenen Halbschlaf befindende Männer an der Rezeption (mächtig versoffene Stadt!?) und nennen uns den halsabschneiderischen Preis von 300 P. für ein Zimmer. Es ist zwar in unserer Rolle als Feilschmeister erniedrigend, aber da keine Alternative besteht, zahlen wir das Geld und lassen wenigstens den schlafenden Hausboy noch unsere Betten beziehen und Kissen, sowie Handtücher bringen. Somit hat sich der Preis schon fast gerechtfertigt.

Erschöpft und ungeduscht (...) schlafen wir ein.

 

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Samstag 24.09.1994

Stefan und ich wachen um 7.30 Uhr auf. Tagesprogramm : Stadt erkunden, Guide organisieren, Hotel wechseln, etwas Anständiges essen (!!!), denn die Ernährung während der gestrigen Busfahrt wäre wiedermal der Traum eines europäischen Kinderherzens gewesen: Chips mit Keksen und Schokolade.

Ich gehe auf das Hoteldach und traue meinen Augen nicht. Gestern war es noch völlig bewölkt, und viele Reisende, die wir unterwegs trafen, und die hier vorbei kamen erzählten uns, daß man schon gewaltiges Glück haben muß, will man den Mayon einmal nicht von Wolken verhüllt erleben. Ich stehe also auf dem Dach, und da ist er ! Und der Himmel ist wolkenlos !

Ich glaube ich habe eine Viertelstunde regungslos mit heruntergeklapptem Unterkiefer hier gestanden und die ergreifende Ausstrahlung dieses Berges genossen. Ich verstehe jetzt, daß die umliegende Bevölkerung den Berg fürchtet und von seiner Magie überzeugt ist. So eindrucksvoll steht er da, gleichmäßig geformt; genauso, wie man einen Vulkan malen würde, als einzige Erhebung der ganzen Gegend, nicht weit vom Pazifischen Ozean.

Ich gehe zurück zum Zimmer, um Stefan und Litzi, sowie meine Kamera zu holen.

Da Litzi offenbar tot ist (jedenfalls reagiert er kein bißchen auf unsere Weckversuche), gehen Stefan und ich noch aufs Dach und ziehen dann los. Wir werden gleich am Hotelausgang von einem Philippino überrumpelt, der behauptet, er sei ein in unserem Reiseführer empfohlener Mayon Guide. Man könne den Mayon zur Zeit nicht besteigen, denn er wäre zu aktiv, aber zum Camp 1 wolle er uns schon bringen ... für 250 P. pro Person. Wir entschließen uns getreu dem Vorsatz 'Vertrauen ist gut, Vorsorge ist besser', ungeachtet der Tatsache, daß heute Samstag ist und uns der Kerl versichert, daß das Tourist Office geschlossen sei, doch dorthin zu fahren, um uns selbst von der Richtigkeit der Angaben zu überzeugen. Wir halten einen Jeepney an und befürchten, daß die gesamte Anreise umsonst war und wir den Mayon nicht besteigen können. Doch das Glück des Tüchtigen bleibt uns auch hier treu. Als wir ankommen, will die Chefin des Tourist Office gerade nach Hause gehen. Sie war heute nur in ihr Büro gegangen, weil sie etwas vergessen hatte. Ansonsten war niemand hier. Sie war nach etwas Zureden bereit, uns einige Auskünfte über den Mayon zu geben. Der Vulkan habe zwar eine aktive Phase, ein Aufstieg sei jedoch nicht unmöglich. Es werde aus 'versicherungstechnischen' Gründen davon abgeraten. Als wir sie nach der Organisation einer Besteigung fragen, greift sie zum Hörer wechselt einige Worte und teilt uns mit, daß der Mayon - Führer von Legaspi unterwegs sei. YEEEAAAAAHHHHH !!!!

Nachdem sie uns dies mitgeteilt, und das gegenüberliegende seismographische Institut als Warteort vorgeschlagen hatte, verschwand der gute Engel auf Niemehrwiedersehen.

Wir nahmen also dort Platz und warteten - und warteten länger - und noch länger. Eine junge Frau, die als Einzige heute hier arbeitete, saß vor einem Meßgerät und schluchtzte. Zuerst fragte ich mich, ob sie weint oder lacht, aber dann sah ich, daß sie offenbar sehr verzweifelt war, denn sie versuchte ihre Tränen wegzuwischen, damit wir sie nicht bemerken. Wir saßen mit dem Rücken zu ihr. Mich machte diese Situation sehr betroffen, aber mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein, als ihr eine Zigarette anzubieten. Ich wollte sie nicht fragen, warum sie weint, denn man weiß nie, ob eine solche Frage in ihrer Kultur nicht eine Verletzung der Intimsphäre bedeutet. Sie lehnte ab, aber wenigstens lächelte sie dabei und schluchtzte in der Folgezeit etwas weniger, da sie offensichtlich den Grund meiner Frage genau durchschaut hatte und es ihr unangenehm war, daß ich ihre Traurigkeit bemerkt hatte.

Nach etwas über einer Stunde Wartezeit kommt dann ein sehr sympatischer etwa 50jähriger Mann namens Rick Di in den Raum, stellt sich als Guide vor und führt uns in sein Büro. Dort erzählt er uns alles Wissenswerte über den magischen Vulkan, der 1993 ausgebrochen war, und bis heute kleinere Nacheruptionen verzeichnet. Rick ist der staatliche Beobachter des Vulkans, und er zeigt uns eine Serie von Landkarten, Situationsberichten und Bildern des Mayon, unter ihnen auch einige Aufnahmen der Opfer des Ausbruches im vergangenen Jahr. Er weist uns darauf hin, daß der Aufstieg nicht ungefährlich sei und fragt, ob wir bergsteigerische Kenntnisse haben, über welche Ausrüstung wir verfügten, wie hungrig wir im Durchschnitt seien und welchen Komfort wir benötigten. Wir erklären ihm, daß wir vom Bergsteigen keine Ahnung haben, und daß wir gerne Reis essen und überhaupt keinen Komfort schätzen. Nachdem wir also geklärt haben, was er und wir noch besorgen müssen und in einer von ihm sehr fair bestrittenen Preisverhandlung uns auf die Gesamtkosten von 100 US$ für 2 Tage Treck, Ausrüstung, 1 Guide, 2 Porter und Verpflegung geeinigt haben, steht dem Abenteuer nichts mehr im Weg. Und Litzi schläft und weiß von unserem Glück noch gar nichts.

Mit einem unbeschreiblichen Grinsen im Gesicht nehmen wir einen Jeepney zurück zum Hotel. Es haben sich einige Wolken vor unseren Vulkan geschoben, und Rick hat bereits angekündigt, daß er mit starker Bewölkung am Mittag rechne. Aber wir haben ihn gesehen, in seiner vollen Pracht, und das ist die Hauptsache. Morgen früh treffen wir uns in einer kleinen Bäckerei in der Nähe von Catalina's Boarding House, wohin wir ja später wechseln möchten.

Wir gehen zu Litzi, der gerade mit Rassierschaum bedeckt ins Bad trottet, und erzählen ihm unsere Neuigkeiten. Danach wechseln wir wie gesagt das Hotel. Das Catalina's ist dem Xandras in allen Belangen vorzuziehen. Der Service ist ausgezeichnet, es kostet nicht mal halb so viel und wir haben zwei Zimmer.

Danach lösen wir durch scharfe Rechen - und Kalkulationsleistungen unser aufgekommenes Geldproblem, fahren in einen Nachbarort und geben dort bei einigen Schneidern Jeans, bzw eine Jeansjacke in Auftrag, die wir nach dem Treck abholen können. Dann besorgen wir uns noch Obst, Kekse, Rum und Wasser für morgen, gehen Chinesisch essen und stellen danach zu unserer Verwunderung fest, daß es sich bei sämtlichen Discos um Tanzbars mit Pornoshow im Pflichtprogramm handelt - und das, obwohl mir hier bisher noch kein Tourist über den Weg gelaufen ist. Ich glaube die männlichen Philippinos stehen auf schnelle Nummern, denn sonst könnten die Clubs hier ja nicht existieren. Auf jeden Fall ziehen wir depremiert in unser Hotel und verbringen noch eine ruhige Erzählstunde mit etwas Rum - Cola, bevor ich in mein Einzelzimmer abwandere und den Tag beende. Morgen gehts los - MAYON GO !

 

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Sonntag 25.09.1994

Wir stehen um 5.30 Uhr auf, duschen, bereiten alles für den Treck vor und gehen um etwa 6.30 Uhr Frühstücken. Rick kommt, holt uns ab, und wir laufen zur Jeepney Haltestelle. Da der Jeep schon ziemlich voll ist, klettern wir aufs Dach. Ein Glück, daß mir gerade hier die Idee kam, meine Kamere herauszuholen und ein Photo von uns zu machen, denn als ich auf den Auslöser drückte, passierte zu meinem Entsetzen überhaupt nichts. Ich stellte fest, daß ich den Photo über Nacht angelassen hatte, und die Batterien leer waren. Da ich keine Ersatzbatterien hatte, sprang ich vom gerade losfahrenden Jeepney, rief dem Fahrer unter den grimmig schauenden Gesichtern der Mitfahrenden zu, daß er noch einen Moment warten soll, und hatte wahnsinniges Glück, daß gerade gegenüber eines der drei Lädchen Batterien verkaufte. Später stellte sich heraus, daß dieser Zufall unsere photographische Reisedokumentation gerettet hat, denn dies war wirklich der letzte Ort vor der bedingungslosen Natur, an dem man Batterien hätte kaufen können.

Wir fahren also los, etwa 20 Minuten, springen dann vom Dach, wobei Stefan, der ewige Pechvogel, mit seinem 120 DM T - Shirt an einer Zierleiste hängen bleibt, sich kurz mustert, grinsend die hervorragende Qualität seines Kleidungsstückes beteuert, bevor Litzi ihm ebenfalls grinsend zeigt, daß die gesamte linke Naht aufgerissen war, und man den vollen Durchblick bis zu seinen Brustwarzen hat. Stefan trägt also ab jetzt Poncho der aber hervorragend mit seinem unter den Augen der philippinischen Jeepneymitfahrer entstandenen roten Kopf harmoniert. Wir laufen dann auf einer kleinen Straße entlang, bis wir zu einer Bambushütte kommen, in der die beiden Porter auf uns warten. Wir machen noch ein Photo der Gruppe und der Familie des jüngeren Trägers, wobei mir schleierhaft ist, wie eine solch große Familie bestehend aus Mann, Frau, und mindestens 10 fast im Neunmonatsrhythmus gestaffelten Kindern, nebst Schweinen, Hühnern, Hunden und Katzen in und um eine vielleicht 12 qm große Bambushütte leben kann. Aber alle wirken froh und unbekümmert und es zeigt sich wieder mal, daß Geld allein nicht glücklich macht.

Es geht los. Auf den ersten Kilometern bewältigen wir einen leicht steigenden Pfad in einer Altlaufrinne der Lava. Ich bin erstaunt über die Mächtigkeit des Grabens, den die Lava in das Land gerissen hat, und in dem sich riesige Magmabrocken befinden. Die Vegetation wird nach ca. 4 km flacher, das heißt Palmen und Bäume werden weniger, dafür schlagen wir uns jetzt durch 3 Meter hohes, dichtes und scharfes Gras, wobei man den Weg bzw. den Boden nicht mehr erkennen kann. Wir trugen nur Shorts und T - Shirt, da wir die lange Hose und das Hemd im Rucksack hatten, um die Nacht, die oben recht kühl sein soll, in frischer, trockener Kleidung zu verbringen. Als wir an eine Lichtung kamen, waren unsere Arme und Beine von vielen kleinen, leicht blutenden Schnittwunden durch die scharfen Halme übersät, doch auch wenn das herunterlaufende Blut furchtbar gruselig aussah, war die Sache nur halb so wild, weil man die Verletzungen kaum spürte. Mit dem Wetter hatten wir bis dahin kein Glück, da es wolkig, und der Mayon fast nicht zu sehen war. Aber wenigstens war es trocken. Als wir nach etwa 6 km die Graslandschaft hinter uns gelassen hatten und die Steigung zunahm, wurde die Vegetation wieder dichter und urwaldmäßiger und der Untergrund grob steinig. Der Weg wurde zunehmend steiler und beschwerlicher, und so waren wir froh, nach 3,5 Stunden Marsch das Camp 1 zu erreichen. Hier machten wir ein Feuer und erholten uns bei einem improvisierten Mittagessen aus Konserven und Reis, sowie Kaffee, Brot und Schokolade. An einer Wassequelle, die aus einem nicht weit entfernten Magmalauf ausdrang, füllten wir unsere leere 0,5 l Flasche wieder auf und marschierten los, mit Ziel Camp 2, wo wir unser Nachtlager errichten wollen. Wir laufen gerade los, da bestätigt sich Ricks beim Essen geäußerte Befürchtung und es fängt wiedermal an zu regnen. Ich wickel meine Kleidungsstücke im Rucksack in meine Regenjacke, und hoffe, daß das Zeug trocken bleibt. Wir steigen nun in dem Lavagraben weiter bergauf, wobei wir über flächenartig angesammelte Geröllquarder klettern. Teilweise ist es gar nicht so einfach, einen Weg durch dieses grobe Gelände zu finden, aber Rick kennt die Gegend hervorragend und leitet uns gut. Es hört auf zu regnen. Nach einiger Zeit wird das Geröll zunehmend kleiner und weiträumiger verstreut, und schließlich befinden wir uns in einer eisbahnähnlichen, ausgewaschenen Magma-Rinne. Die Vegetation an den Rändern, bestehend aus Farnen und diversen dornigen Buschgewächsen, ist so dicht und verwachsen, daß wirklich nur hier auf den Steinen ein Durchkommen ist. Ich frage mich, ob an dieser Stelle mal ein Wasserfall herunterkam, der den Steinboden so geglättet hat. Man kann hier trotz der zunehmenden Steile recht gut steigen, da der Boden trocken ist. Doch plötzlich beginnt es erneut zu regnen, und sofort sehe ich an der tiefsten Stelle des Grabens einen kleinen Rinnsal entstehen, der die Magmabahn herabfließt. Der Regen wird stärker, der Weg steiler. Ich muß mich sehr anstrengen und auf jeden Schritt konzentrieren, um nicht auszurutschen, denn der Weg wird zunehmend glitschig. Der Bach wird immer größer. Mittlerweite giest es wie mit Eimern und man kann ihm förmlich beim Ansteigen zusehen. Der wannenförmige Graben ist bereits zu einem Drittel mit Wasser gefüllt, das sich zum reißenden Wasserfall entwickelt und mir wird die Sache langsam mulmig. Ich rutsche öfters aus, kann mich aber immer geradeso auf allen Vieren halten, denn hinter mir geht es steil bergab. Rick läuft vor uns her als beeindruckte ihn die Situation überhaupt nicht. Ich habe verdammt weiche Knie bekommen, muß mich jedoch zusammenreisen, denn ein falscher Tritt kann jetzt böse ins Auge gehen. Der Regen wird noch stärker, und man kann kaum aufschauen, und während wir ganz am Rand des Grabens steigen und krabbeln, peitscht das Wasser an uns vorbei. Ricks Augen sehen mittlerweile alles andere als gelassen aus. Stefan und ich klettern voraus, da sich Rick die Lage ansieht. Er entscheidet, daß es besser wäre, hier den Fall zu überqueren, da der Weg auf dieser Seite bald vom Wasser eingenommen wäre. Fix springt er irgendwie durch die Fluten, Litzi und die Porter geistesgegenwärtig hinterher. Stefan und ich hängen irgendwie ein paar Meter weiter vorne auf allen Vieren und sehen keine Chance, den Weg an der Stelle, an der die anderen über den Fluß gingen zu erreichen, da es zum Zurückgehen einfach zu steil und rutschig ist. Wir sind ratlos, knien hier verkrampft wie auf Eiern und wissen nur, daß der Wasserpegel ständig steigt und es immer schwerer wird, auf die andere Seite zu gelangen. "Ich dreh' durch", schreit Stefan, als er ausrutscht und sich mit letzter Mühe irgendwie an einem Dornenbusch festhalten kann. Auch meine Beine sind durch die ständigen Adrenalinstöße extrem wacklig. Ich habe das Gefühl, daß jede weitere Bewegung mein Ende bedeutet. Und das Wasser steigt. Jetzt oder nie sage ich mir und es gelingt mir, mich langsam fortzubewegen. Stefan folgt mir. Ich entdecke eine Stelle, die zur Überquerung geeignet sein könnte, glitsche durch eine Unaufmerksamkeit aus, komme ins Rutschen und kann mich gerade noch an einem dornenbesetzten Farn festhalten.

Das Wasser wird immer mehr und schließlich sehe ich Stefan der Paranoia nahe irgendwie über den Strom hetzen und gehe auch los, ohne nachzudenken, ohne die Gewißheit, daß das klappt, einfach kurz vorm Durchdrehen. Aber meine Schuhe halten auf den steilen, glitschigen, durch das herunterstürzende Wasser nicht erkennbaren Steinen Stand und als wir drüben sind geben wir einen Freudenschrei von uns, den man wohl noch in Bagdad gehört haben muß. Mein Gott, das war knapp.

Noch 500 Meter bis zum Camp - scheinbar wenig, aber doch so weit. Ich verdanke das Erreichen des Camp 2 nur einer Reihe von Farnen, die zwar ihre Spuren in meinen Händen hinterlassen haben, mir aber so oft den letzten Halt vor dem Abgrund gaben. Wir sind überglücklich, als wir am Camp ankommen, einer kleinen Terrasse am Hang mit kleinem Felsvorsprung, unter dem wir mit viel Mühe ein Feuer machen und unser Gepäck unterstellen. Alles an mir ist völlig durchnäßt, und der Anblick meines tropfnassen Rucksacks mit den durchtränkten Kleidungsstücken löst Entsetzen in mir aus, denn hier oben (1.800 m) ist es verdammt kalt und ich stehe nur in Unterhose hier, als sei ich am Strand von Boracay, und wringe mein T-Shirt aus. Das Camp liegt völlig in dichten Wolken und die feucht kalte Witterung und der Wind bringen meinen Körper zum Zittern.

Jan, Stefan und ich schauen uns fertig an. Wir können noch gar nicht fassen, das wir das gepackt haben. Ich war dem Ende noch nie so nahe wie heute. Wir trinken unseren Rum aus, als sei es Apfelsaft, und schon nehmen unsere Gesichter wieder Farbe an und wir beginnen rumzualbern.

Die Atmosphäre am Lagerfeuer beim Abendessen ist unbeschreiblich und läßt mich kurz vergessen, daß alles an mir naß und kalt ist. Wir erzählen Rick von unseren bisherigen Reiseerlebnissen, und er uns Geschichten von seiner Tätigkeit als Mayon - Guide. Rick ist 62 Jahre alt (!), was ich fast nicht glauben konnte, denn er ist fit wie ein Turnschuh und seine Sprache ist auch nicht die eines alten Greises. Er interessiert sich für die westliche Welt, und man merkt, daß er viele Erfahrungen gemacht hat, denn seine Worte und seine Beurteilungen der Kulturunterschiede zwischen Asien und Europa wirken auf mich sehr tief.

Das Zelt, in dem wir heute schlafen gehen werden wäre in unseren Gefilden als Ein-Mann-Zelt deklariert, und uns bleibt nichts anderes übtig, als die altbekannte 'Löffelstellung' anzuwenden, auch wenn mich dies etwas Überwindung kostet. Aber letztlich kann mir das nur Recht sein, denn auf diesem Weg wird es wenigstens warm.

Als ich so im Zelt liege, versuche ich mir Klarheit zu verschaffen, was ich da heute gemacht habe, aber die Kälte erschwert es, klare Gedanken zu finden. Ich weiß nur, es war das Härteste bis jetzt, und ich werde das nie vergessen.

 

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Montag 26.09.1994

Als ich aufwache, ist es gerade 7.00 Uhr und Stefan, der sich gestern bereits etwas früher Schlafen legte, ist bereits auf. Es ist etwas wärmer geworden, aber ich bin noch immer tropfnaß. Der Regen hat aufgehört, aber es ist noch ziemlich neblig.

Wir frühstücken. Rick meint, wir können nicht weiter aufsteigen, da es wieder nach Regen aussieht und er per Funk erfahren hat, daß es oben sehr windig sei. Wir entscheiden uns, noch etwas zu warten. Um 8.30 entschließen wir uns, es doch zu versuchen, und um 8.35 beginnt es sarkastischerweise zu regnen. Wir lassen unsere Rucksäcke im Camp zurück und klettern los. Dort, wo gestern noch der reisende Wasserfall herunterkam, ist es heute 'nur' naß. Der Nebel wird immer dichter, und man hat nur noch etwa 15 m Sicht. Die Beine sind noch müder als gestern, und auch die Konzentration ist nicht mehr so hoch, aber vielleicht war es gerade dieses taube Gefühl, das mir den Eindruck verschaffte, als sei mir der Aufstieg heute etwas leichter gefallen. Wir steigen noch bis etwa 2.400 m auf. Der Regen prasselt auf uns herab. Wir befinden uns kurz vor der noch glühenden Lavafront des letztjährigen Ausbruchs und dem Krater. Wir genießen kurz das Gefühl der Höhe und den Triumph über den Vulkan und das Wetter, das uns eine Hürde in den Weg stellte, die wir durch unwahrscheinlichen Einsatz meisterten. Dann beginnen wir den Abstieg.

Irgendwie packen wir es zurück zum Camp. Es ist jetzt 11.30 Uhr und wir essen eine Kleinigkeit. Dann bauen wir die Zelte ab, packen unser Gepäck zusammen und marschieren los. Zwischen Camp 2 und Camp 1 erwartete uns noch eine sehr schwierige Passage, an der die Nassen Felsbahnen stark bemoost waren und keinen Stand möglich machten. Wir bilden mehrere Seilschaften und Rick gibt uns genauste Anweisung wo wir hintreten sollen, und wie wir die Abstiegspassagen meistern können. Wir stürzen öfters und sind von kleinen Verletzungen übersät, aber wir packen alles ohne nachzudenken. Alle Gedanken werden durch die hohe Konzentration auf jeden Schritt verschlungen. Schließlich kommt der letzte Teil zum Camp 1, wo wir wieder die Felsbrocken überqueren müssen. Meine Beine sind schwer und müde und meine Konzentration läßt nach. Ich fühle mich taub und lasse mich von einem Schritt zum Nächsten fallen und bin glücklich, daß ich mich nicht verletze. Nach kurzer Pause am Camp 1 erwarten uns noch die 8 km relativ einfacher Marsch. Ich spüre Schmerzen an den Füßen, die ich vorher scheinbar durch die hohen Anforderungen des Weges unterbewußt ignoriert hatte. Aber das ist auch kein Wunder. Immerhin sind meine Füße seit zwei Tagen von nassen Wollsocken umgeben und völlig aufgeweicht. Aber mein Verlangen, das Ziel zu erreichen lenkt meine Bewegungen, und ich gehe trotzdem schnell. Der Schmerz nimmt zu, und ich trete nur mit den Außenkannten meiner Sohle auf . Dann versuche ich das Brennen einfach nicht zu spüren, was mir schließlich gelingt. Ich laufe schnell, und hänge mit dem jüngeren Porter den Rest der Gruppe ab, irgendwie total durchgedreht, aber ich merke, daß das mein Rhythmus ist, und außerdem brauche ich dann weniger Schritte. Um 17.30 Uhr komme ich an der Hütte des Porters an. Ich ziehe meine Schuhe aus, um den Zustand meiner Füße zu begutachten, was zur Folge hat, daß sich sämtliche Kinder um mich herum positionieren, um mich dabei zu beobachten. Als sie meine Fußsohle sehen ergreifen sie verängstigt die Flucht und ich ziehe meine Boots sofort wieder an. Mein Gott - so können Füße doch nicht aussehen - völlig aufgequollen, faltig und durch die Schuhe rosarot gefärbt, der blanke Horror! Kurze Zeit später kommen auch Stefan und Litzi. Wir sind völlig am Ende, doch ich erkenne den Funken Stolz in ihren Augen. Auch ich bin verdammt stolz, daß ich den Treck gemeistert habe. Wir quälen uns zur Jeepneyhaltestelle und fahren zurück nach Legaspi. Dort wollen Litzi und Stefan erst etwas essen, und ich füge mich, auch wenn ich mich nach einem Bett sehne. Wir gehen also wieder zum Chinesen und trinken mit Rick, den wir richtig lieb gewonnen haben noch ein Bier. Als wir im Hotel ankommen, werden meine Füße zum begehrten Photoobjekt. Ich hänge erst noch alle nassen Klamotten im Zimmer auf und falle dann in mein Bett. Ich spüre das pulsierende Blut in meinem Körper. Nach einer Stunde haben sich meine Füße deutlich erholt und ich ziehe mit Stefan los und hole eine Flasche Gin, weil Rum ausverkauft ist, Sprite und Calamancis (Buschlimonen). Wir sitzen dann noch in unserem Hotelzimmer, feiern die erfolgreiche Besteigung des Mayon Vulkano mit improvisiertem Gin Tonic und erzählen uns Geschichten aus den 'guten alten Tagen'. Ich schlafe diese Nacht prächtig.

 

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Dienstag 27.09.1994

Der Tag begann schon wieder viel zu stressig, da wir den ganze Vormittag mit Geldproblemen kämpften. Ich erfuhr, daß ich bei keiner Bank in Legaspi mit meiner Kreditkarte Bargeld abheben kann. Wir resignierten, da wir uns auf meine Karte verlassen und nicht mehr genug Geld für die Busfahrt nach Manila hatten. Das bedeutete, daß wir einen teuren Flug mit Philippine Airlines hätten buchen müssen, da ich dort mit der Kreditkarte bezahlen kann. Uns blieb also keine andere Wahl, als ein Trycicle zum Flughafen zu nehmen. Wir sitzen bereits in dem Verkaufsbüro der PAL, als Stefan meint: "Mir fällt gerade ein - ich habe noch einen 100 DM Travellerscheck." Dieser Verpeiler hat ihn eine Runde gekostet, sowie die fassungslos tötenden Blicke von Litzi und mir, aber unser Problem war gelöst.

Wir fuhren nach Daraga zu den Schneidern und holten unsere Jeans - Sachen ab.

Um 17.20 Uhr sitzen wir von Schwermut über den Abschied von unserem letzten Reiseziel erfüllt im Bus nach Manila und genießen den Sonnenuntergang hinter dem Mayon Vulkano. Wir kaufen uns bei einem Stop eine Flasche Rum, um besser schlafen zu können, was uns schließlich auch gelingt.

 

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Mittwoch 28.09.1994

Wir kommen um 4.30 Uhr in Manila an und entschließen uns, zum dritten Mal, die Pension Natividad aufzusuchen, von wo aus ich kurz zuhause anrufe und wir uns dann bis 9.00 Uhr schlafen legen. Danach fahren wir nach Makati zur City Bank und schließlich zur Bank Of America, wo ich endlich das heißersehnte Geld bekomme. Dann folgte ein Besuch des Baclaran Marktes und des SM Shopping Centers mit wildem Geldausgeben und einer anschließenden 'Pizza - All you can eat for 66 P.' Mästung, bevor wir finanziell ausgereizt zur Natividad zurückkehrten.

Wir trafen heute Chriss und Marlène aus Sabang wieder und auch Iris (Manila) war zur Zeit wieder in der Pension. Abends fangen wir an, mit Chriss Bier zu trinken und werden furchtbar geschockt, als er uns mitteilt, daß die Flughafengebühr in Manila seit Neustem nicht 300, sondern 500 P. beträgt. Aber dann müssen wir halt morgen nochmal meine Kreditkarte konsultieren.

Wir sitzen noch bis 2.00 Uhr draußen und quatschen mit Chriss.

 

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Donnerstag 29.09.1994

Heute um 21.15 Uhr wird mein Flug nach Frankfurt gehen. Viel ist daher nicht mehr passiert. Wir sind nochmal zur Bank gefahren und haben die finanziellen Probleme erneut bewältigt. Außerdem habe ich mir noch Zigaretten gekauft, denn als ich bei einem Money - Changer meinen letzten 20 DM Schein wechselte, hat der sich vertan und mir Pisos im Wert von 20 US$ gegeben. Ansonsten ist dies ein Tag im Zeichen des Abschieds und ich neige zur Melancholie. Ich habe heute entschlossen, daß ich meinen Nebenjob bei diesem Riesenarschloch Herrn Gross kündigen werde. Mayon sei Dank !

 

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